Behindert: Was soll das sein? Einblicke in die inklusive Arbeitswelt

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von Sirany, 01.11.2017

Eine Gesellschaft, die enthindert und nicht behindert – auch dafür steht der Begriff Inklusion. Doch wie sehen Arbeit und Leben mit Behinderung in Deutschland in der Realität aus?

Dennis Seidel ist aufgeregt. In wenigen Wochen feiert sein neues Stück „Der Tag, an dem Kennedy ermordet wurde und Mimmi Kennedy Präsidentin wurde“ beim Theaterfestival „NO LIMITS“ in Berlin Premiere. Bei der Vorpremiere, einem Heimspiel in Hamburg, hatten Schauspieler und Zuschauer auf jeden Fall Spaß an dem Werk, das nach dem wahren Mörder von John F. Kennedy sucht. Dennis selbst spielt darin eine Reporterin, hat Regie geführt und auch die Musik mitkomponiert. Was er sich vom Publikum erhofft? „Die Leute sollen klatschen und jubeln.“

Vom Kurier zum Künstler – auch das ist Inklusion

Der 37-Jährige hat das Kabuki-Syndrom, eine sehr seltene Erbkrankheit. Sie ist nach einer Form des traditionellen Schminkens in Japan benannt, da Menschen mit dem Kabuki-Syndrom in der Regel einen Gesichtsausdruck haben, der an diese Art von Make-up erinnert. Dennis wusste schon als Kind, dass er zum Theater möchte. Dennoch schlug er zuerst einen anderen Weg ein und arbeitete in den Hamburger „Elbe-Werkstätten“, wo er Kurierdienste erledigte. In den Werkstätten sind mehr als 300.000 erwachsene Menschen mit Behinderung beschäftigt (Stand November 2016, laut  BAG WfBM ).

Im Jahr 2003 wechselte Dennis Seidel dann zu „barner 16“, einem inklusiven Netzwerk von Künstlern mit und ohne Handicaps. Beschäftigungsträger ist „alsterarbeit“. Die gemeinnützige GmbH bietet Menschen mit Behinderung die Möglichkeit, direkt am Arbeitsleben teilzunehmen – mit dem Ziel der beruflichen Eingliederung. Bei „barner 16“ spielen die Mitarbeiter zum Beispiel in Bands. Die bekannteste Gruppe dürfte Station 17 sein, die sich sogar deutschlandweit einen Namen gemacht hat und u.a. schon beim Hurricane Festival aufgetreten ist. Die Mitglieder des Netzwerks produzieren aber auch Musik, drehen Filme und entwickeln Bühnenstücke oder Tanzperformances. Als integrierte Betriebsstätte bietet das Kollektiv Plätze in den Bereichen Tagesförderung, Berufsbildung und Arbeit für Menschen mit Behinderung an.

Kunst bestimmt den Werkstätten-Alltag

Einen solchen Tagesförderungsplatz hat auch Dennis. Dazu gehört unter anderem das „Labor für künstlerische Experimente“. Hier arbeiten pädagogisch ausgebildete Mitarbeiter und Kulturschaffende zusammen, um den Teilnehmenden verschiedenste Inhalte zu vermitteln. Das Angebot ist vielfältig: Literaturwerkstätten, Siebdruck, Gesangs- und Musikunterricht, aber auch Computerkurse und verschiedene Sportarten. Die Woche von Dennis etwa besteht aus Theaterproben, Regie-Unterricht, Aikido, Laufen und der Teilnahme an der Literaturwerkstatt „Storyteller“.

Menschen mit Handicap, die bei „barner 16“ mitmachen möchten, bewerben sich auf einen Platz und werden dann dazu eingeladen, dort zwei bis drei Wochen lang ein Praktikum zu machen, damit beide Seiten sich kennenlernen können. Eine künstlerische Neigung und Interesse für Kunst und Kultur sollte der Bewerber in jedem Fall mitbringen.

Leben mit Behinderung
Dennis Seidel führt in seinem Stück „Der Tag, an dem Kennedy ermordet wurde und Mimmi Kennedy Präsidentin wurde“ nich tnur Regie, sondern spielt auch selbst mit.

Neue Ziele setzen und erreichen durch Inklusion

Dennis Seidel kam ursprünglich zu „barner 16“, als die Theatergruppe „Meine Damen und Herren“ (ehemals „Station17Theater“) eine Rolle ausgeschrieben hatte. Er bewarb sich, wurde zum Casting eingeladen und bekam den Job. „Seitdem bin ich ein festes Mitglied in der Gruppe und möchte es auch bleiben, diese Gruppe ist und bleibt ein Teil von mir, hier arbeite ich und möchte es auch weiterhin“, sagt er. In der „barner 16“-Theatergruppe wirken 13 Schauspieler mit Handicap mit, gelegentlich sind auch Gastdarsteller ohne Behinderung dabei. Dennis debütierte dort als Schauspieler 2005 in „Idyllen“. Doch er wollte mehr.

„Immer nur Schauspieler zu sein, war für mich zu langweilig“, erzählt er. Und so beschäftigte sich der gebürtige Hamburger intensiver mit der Regie und brachte seine One-(Wo)Man-Show „Ordinary Girl“ auf die Bühne, bei der er als Regisseur und einziger Schauspieler agierte. Von der Kritik wurde er damit irgendwo „zwischen Telenovela und David Lynch“ eingestuft.

Auch beim Theater gilt: Miteinander statt nebeneinander

Das war 2015. Seitdem hat Dennis zwei Regie-Hospitanzen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg absolviert. Möglich wurde das dank des Modellversuchs „ARTplus“ vom Verein „EUCREA“. Dort hat man es sich zum Ziel gesetzt, die Situation von Künstlern mit Behinderung zu verbessern. Der Gedanke dahinter: Wie können Künstler mit Behinderung in einer (städtischen) Kultureinrichtung mitwirken? Denn derzeit arbeiten die Theatergruppen der einzelnen Behindertenwerkstätten in der Regel autark für sich – dass Künstler mit Handicap an einem regulären Theater beschäftigt sind, ist eher selten der Fall.

Das Projekt „ARTplus“ will das ändern und die Inklusion im kulturellen und künstlerischen Bereich vorantreiben. Und in diesem Zuge ist auch die Kooperation zwischen dem Hamburger Schauspielhaus und der Theatergruppe „Meine Damen und Herren“ entstanden, in der Dennis Seidel mitwirkt. Die Regie-Hospitanzen des 37-Jährigen dauerten jeweils etwa sechs Wochen. Dabei stand ihm eine Assistentin zur Seite, die ihn als Ansprechpartnerin durch die Hospitanz begleitete. Dennis hat dabei ganz offenbar einen bleibenden Eindruck hinterlassen: Schorsch Kamerun, Regisseur und Sänger der Band Die Goldenen Zitronen, engagierte ihn für sein Stück „Katastrophenstimmung“.

Inklusion mit Stolperstellen

Was Dennis noch aus seiner Hospitanz mitnehmen konnte: gute Kontakte, die ihm bei seinem aktuellen Kennedy-Stück zur Seite standen. So lernte er Kostümbildner und Dramaturgen des Hamburger Schauspielhauses kennen, die er auch für sein eigenes Werk gewinnen konnte. Inklusion ist in Dennis' Augen sehr wichtig, „damit die Menschen wissen, dass auch Leute mit Handicap Theater spielen können – ohne Barrieren.“ Hamburg ist ein Musterbeispiel beim inklusiven Theater, doch andere Städte haben teils noch großen Aufholbedarf. „Ich beurteile die Inklusion für Menschen mit Handicap im künstlerischen Bereich als nicht sehr ausreichend, überall sind noch Stolperstellen, die zu beheben sind“, sagt er.

Doch nicht nur im Kunst- und Kultursektor besteht noch Bedarf, die Inklusion in der Arbeitswelt weiter voranzutreiben – in allen Arbeitsfeldern muss nachgebessert werden. Das belegen Zahlen des  Statistischen Bundesamts : In Deutschland leben circa 7,6 Millionen schwerbehinderte Menschen (Stand: Ende 2015). Genau 178.809 von ihnen waren im Juni 2016 ohne Arbeit, was eine Arbeitslosenquote von 13,4 Prozent ergibt. Sie ist damit mehr als doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Handicap.

Zwar hat Deutschland 2008 die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben, die Menschen mit Behinderung eine gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zusichern soll, doch bis Arbeitswelt und Gesellschaft wirklich frei von Barrieren sind, wird es wahrscheinlich noch eine Weile dauern.

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