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Ein Schlafwandler

Marcel ist Schlafwandler: "Ich bin blutüberströmt aufgewacht"

von Florian, 28.03.2018

Die Gründe des Schlafwandelns sind bisher nur wenig erforscht – klar ist aber, dass die nächtlichen Ausflüge gefährlich sein können. Marcel hat sich dabei sogar schon einmal ernsthaft verletzt.

Es war der stechende Schmerz über dem Auge, der Marcel aufwachen ließ. Etwas verstört fand er sich vor einem seiner Regale wieder. Als Marcel wieder zu sich kam, merkte er, dass Blut an seinem Gesicht herunterlief. Er hatte sich beim Schlafwandeln einen tiefen Schnitt über dem Auge zugezogen, mutmaßlich an einer scharfen Kante des Regals, vor dem er gerade erwacht war.

Das war das erste und bisher letzte Mal, dass sich der damals 25-Jährige bei seinen nächtlichen Ausflügen verletzt hat. Nach dem Vorfall hat Marcel einige Sicherheitsvorkehrungen getroffen: Alle spitzen Gegenstände wurden aus dem Schlafzimmer verbannt, auch der Fernseher steht jetzt woanders. "Ich könnte höchstens noch gegen die Wand laufen", sagt der junge Mann aus Harsewinkel heute, zwei Jahre nach diesem einschneidenden Erlebnis.

Schlafwandler Marcel bei einem Tagesausflug
Marcel (27) ist Schlafwandler. Er hat sich bei einem nächtlichen Ausflug schon verletzt.

Dunkelziffer der Schlafwandler ist hoch

Marcel ist mit seinem Problem nicht allein. Belastbare Zahlen gibt es zwar nicht, aber mindestens zwei Prozent aller Erwachsenen sollen schlafwandeln. Unter Kindern kommt das Phänomen sogar weit häufiger vor, bis zu 30 Prozent aller Menschen sollen in ihrer Kindheit mindestens einmal des Nachts herumgegeistert sein.

Das Problem: Die meisten Schlafwandler kehren nach ihren Ausflügen wieder ins Bett zurück und können sich am nächsten Morgen nicht mehr daran erinnern. Insofern ist die Zahl derjenigen, die schlafwandeln, aber es nicht wissen, wahrscheinlich sehr hoch. So war es auch bei Marcel, der in der Regel wieder in sein Schlafgemach zurückwandelt, nachdem er nachts unterwegs war. Erst seit seine Freundin bei ihm schläft, ist ihm bewusst, dass er regelmäßig nachts Ausflüge unternimmt.

Die Ursachen für das Schlafwandeln, auch Somnambulismus genannt, sind bis heute noch nicht vollständig erforscht. Was bei den Betroffenen während der nächtlichen Streifzüge im Gehirn vor sich geht, können Mediziner nicht sagen. In Schlaflaboren wurde jedoch festgestellt, dass bei Schlafwandlern ein Teil des Gehirns weiterschläft, während ein anderer aufwacht. Mediziner sprechen von "partiellem Erwachen". Die Kontrolle durch das Bewusstsein fehlt dabei komplett. Begünstigt wird das Schlafwandeln übrigens durch Alkohol, weil er die Tiefschlafphase beeinflusst. Auch bestimmte Medikamente, Stress und Schlafmangel können den nächtlichen Drang, das Bett zu verlassen, bei Schlafwandlern fördern.

Frau beim Schlafwandeln
Schlafwandler können sich nach dem Aufwachen in der Regel nicht an ihre nächtlichen Ausflüge erinnern.

Schlafwandler können Gespräche führen und sogar Auto fahren

Anders als oft in Comics dargestellt laufen Schlafwandler zwar weder mit ausgestreckten Armen durch die Gegend, noch können sie plötzlich auf Dachschrägen balancieren. Allerdings sind sie dazu in der Lage, so ziemlich allen Alltagstätigkeiten nachzugehen, die sie im Wachzustand routiniert beherrschen. Dazu gehören neben körperlichen Aktivitäten sogar Autofahren oder das Führen von Gesprächen. Allerdings laufen diese Aktivitäten nicht immer koordiniert ab – deshalb kann Schlafwandeln extrem gefährlich werden.

Das ist auch bei einer bestimmten Art des Schlafwandelns der Fall, der sogenannten REM-Schlaf- Verhaltensstörung. Sie tritt überwiegend bei älteren Menschen auf, insbesondere bei Männern ab 50 Jahren. Die Betroffenen werden von Alpträumen aus dem Bett getrieben und weisen bei ihren nächtlichen Ausflügen eine hohe Muskelaktivität auf. Sie schlagen oder treten oft um sich und können dabei sich selbst und andere verletzten. Über die Hintergründe dieses Phänomens ist noch nicht allzu viel bekannt. Unklar ist auch, was gegen diese Art des Schlafwandelns getan werden kann. Schlafmittel und krampflösende Medikamente sollen aber helfen können, die Anfälle in den Griff zu bekommen.

Autosuggestion als Verhaltenstherapie

Eine andere Möglichkeit, Schlafwandlern zu helfen, ist die Autosuggestion. Schlafforscher versuchen mit dieser Therapie, Einfluss auf das Verhalten während des Schlafenwandelns zu nehmen. Betroffene sollen sich (wenn sie wach sind) immer wieder einen Satz sagen wie: "Immer, wenn ich Boden unter den Füßen spüre, gehe ich sofort zurück ins Bett", und sich die Situation des Schlafwandelns dabei vorstellen. Im Idealfall reagieren die Betroffenen dann während des Schlafwandelns auf diesen Reiz und folgen ihrer verinnerlichten Anweisung.

Marcel hat nach seinem Regal-Unfall angefangen, Tabletten zu nehmen – die aber nicht geholfen haben. Er schlafwandelte weiter. Mittlerweile hat der Bautechniker die Schlafhilfen wieder abgesetzt. Er hofft noch auf weitere Erkenntnisse aus den Untersuchungen des Schlaflabors, in dem er vier Nächte verbracht hat. Dort wurden seine nächtlichen Ausflüge auf Video festgehalten. "Ich bin ja zum Glück nicht stark gefährdet durch meine Art des Schlafwandelns, würde aber gerne irgendetwas ändern können, damit das aufhört", sagt Marcel.

Schlafwandeln kann lebensgefährlich sein

Der heute 27-Jährige kam bei seinem Schlafwandler-Unfall im Endeffekt glimpflich davon – nur eine Narbe zeugt noch von dem Vorfall. Noch mehr Glück im Unglück hatte die österreichische Kajak- Weltmeisterin Viktoria Schwarz. Im Jahr 2016 stürzte sie beim Schlafwandeln von ihrem Balkon sieben Meter in die Tiefe. Die damals 30-jährige Sportlerin erlitt dabei Brüche an der Schulter, der Nase und am Fersenbein. Sicher hat sie es ihrem durchtrainierten Körper zu verdanken, dass nicht noch etwas Schlimmeres passiert ist. Nach dem Vorfall tauschte sie die Fenstergriffe in ihrer Wohnung aus, sodass die Fenster nur noch mit einem Schlüssel geöffnet werden konnten.

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