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A Few Good Friends
Eine Initiative der
Freunde unterhalten sich am Grill bei einer Gartenparty

Ich will das nicht hören! – Warum sich Fleischesser vor mir nicht rechtfertigen müssen

von Sirany, 27.02.2018

Du bist, was du isst – oder doch nicht? Das Gefühl habe ich zumindest oft, wenn ich als Veganer mit Leuten am Tisch sitze, die Fleisch auf dem Teller haben, und sich vor mir fast dafür schämen.

Wenn meine Brüder und ich zum Essen bei den Eltern eingeladen sind, gibt es nachmittags noch Kaffee und Kuchen. Der Ablauf hat sich schon fast zu einer Art Spiel entwickelt: Mama stellt den Kuchen auf den Tisch, ich sehe ganz genau, wie meine Brüder mich beobachten, mache keine Anstalten, mir ein Stück zu nehmen und knabbere stattdessen an meinen veganen Keksen.

Meine Brüder wiegen sich jetzt in Sicherheit und bedienen sich an Mamas Apfelkuchen. Erst wenn sie schon fast aufgegessen haben, greife ich ebenfalls zu und tue mir triumphierend ein Stück auf den Teller. "Der ist ja doch vegan. Ich wusste es! Den Unterschied schmeckt man", platzt es aus meinem Bruder heraus, der überzeugter Fleischesser ist. Das entfacht zum wiederholten Male eine wilde Diskussion am Tisch über die Vor- und Nachteile der Ernährung ohne tierische Produkte.

Bei diesen Debatten muss ich mir das Bashing von meinen Brüdern gefallen lassen, ich kann aber auch Konter geben und mich wehren. In vielen Situationen, wenn ich mit anderen Leute essen gehe, sieht das leider anders aus.

Schuldbewusst starren sie auf ihren Beef-Burger, während ich neben ihnen in die Veggie-Variante beiße: "Ich esse normalerweise gar nicht so viel Fleisch.", "Ich kaufe im Supermarkt nur das Bio-Fleisch.", "Die fleischlosen Ersatzprodukte mag ich manchmal auch ganz gerne.", "Ich bin Flexitarier."

"Und was willst du mir jetzt damit sagen?" denke ich mir dann jedes Mal insgeheim.

Immer mehr Fleischesser scheinen sich – ungefragt – dafür rechtfertigen zu wollen, dass sie nicht auf Hühnchen, Schwein & Co. verzichten. Und ich komme mir dann vor wie das personifizierte schlechte Gewissen, das am Tisch mitisst – und fühle mich auch irgendwie mies. Denn diese entwaffnende, um Verständnis werbende Attitüde führt zu nichts. Ich kann weder argumentieren und meinen Standpunkt klarmachen noch mich gegen Angriffe verteidigen. Stattdessen nicke ich nur nachsichtig, lächle milde und sage so etwas wie: "Na das ist doch schon mal ein guter Anfang."

Dabei spiele ich diesen Leuten damit in die Hände, denn es ist genau das, was sie hören wollen. Einer der sogenannten "Gutesser" beschwichtigt ihre Schuldgefühle, sodass sie nichts an ihrem Konsum- und Essverhalten ändern müssen. Schließlich hinterfragen sie es ja. Der Spruch "Du bist, was du isst" gilt bei ihnen nicht. Denn auf keinen Fall wollen sie zu diesen Barbaren zählen, die unreflektiert ein Steak nach dem anderen in sich hineinstopfen und blutige Barbecues zelebrieren – aber voll und ganz auf Fleisch verzichten möchten sie eben auch nicht.

Ich will nicht missionieren und anderen eine bestimmte Lebensweise vorschreiben, eine gepflegte und polarisierende Diskussion darüber ist mir aber lieber als Rechtfertigungen, die jede Debatte im Keim ersticken.

Wenn die Teilzeitvegetarier, Bewusstesser und Genießer guten Gewissens weiter Fleisch konsumieren – und sei es auch noch so wenig –, wird sich auch in Zukunft wenig ändern. Die Zerstörung der Umwelt, der Welthunger oder die Ausbeutung der Tiere werden so nicht in den Griff zu kriegen sein. Und vielleicht hilft es dann doch nur, diejenigen, die versuchen, dem Disput durch fadenscheinige Entschuldigungen aus dem Weg zu gehen, mitten hineinzustoßen.

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