Handysucht: Der Feind in deiner Hand

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von Sirany, 27.10.2017

Beim Essen und Schlafen liegt es neben dir. Oder auch wenn du dir die Zähne putzt. Das Smartphone. Warum wir nicht mehr ohne können und wann die Handysucht bedenklich wird, erfährst du hier. 

Nur nochmal kurz die Mails checken, dann leg ich das Smartphone weg … oh, eine neue Benachrichtigung bei Facebook … jemand hat mein Bild bei Instagram kommentiert … und wenn ich schon dabei bin, kann ich auch gleich schauen, ob ich neue Matches bei dieser Dating-App habe …

Na, erkennst du dich in diesem Verhalten wieder? Einmal kurz zum Handy gegriffen, fällt es schwer, das Gerät wieder loszulassen, das mittlerweile so viel mehr kann – und ist – als ein Telefon. Das Smartphone ermöglicht uns das Chatten, Surfen, Shoppen, Musik hören, Videos anschauen, Zeitungen und Bücher lesen, Sport treiben, Urlaub buchen, Spielen und viele weitere Dinge. Und wenn es für etwas noch keine App gibt, keine Angst, in der nahen Zukunft wird sie sicher entwickelt!

Das halbe Leben spielt sich mittlerweile über das Smartphone ab. Die Möglichkeiten, die uns das Mobilgerät eröffnet, kann man toll und faszinierend finden – doch ab einem gewissen Punkt aber wird das Nutzungsverhalten bedenklich. Die drohende Frage kommt auf: Bin ich handysüchtig?

Natural Born Beziehungskillers

Erinnerst du dich daran, wann du das letzte Mal mit deiner Familie im Restaurant gegessen und dabei nicht einmal dein Handy rausgeholt hast? Oder wann du zuletzt mit Freunden in der Kneipe warst, ohne zwischendurch eine Nachricht zu tippen? Viele Menschen merken nicht einmal mehr, dass sie ständig auf ihr Smartphone starren, der Move ist automatisch in ihre Verhaltensmuster übergegangen. Wie der routinierte Blick auf die Uhr, ohne danach die Zeit zu wissen.

Zum ernsthaften Problem wird der Griff zum Handy, wenn du anfängst, deine Umgebung damit zu nerven oder, noch schlimmer, deine sozialen Kontakte dadurch beeinträchtigt werden. Das sieht dann im Extremfall so aus, dass du während einer Verabredung deinem Smartphone mehr Aufmerksamkeit schenkst als deinem Gegenüber.

Nicht ohne Grund wurde das Kofferwort "Smombie" (Smartphone + Zombie) vom Langenscheidt-Verlag zum Jugendwort des Jahres 2015 gewählt. Das Handy, das mit seinen ständig wachsenden Fähigkeiten zum Beziehungskiller prädestiniert ist, macht uns offenbar zu seelenlosen Wesen, die lieber auf Displays starren, anstatt wahrzunehmen, wie schön und interessant die Welt um sie sein kann.

Mit dieser Bezeichnung könnte man vielleicht noch leben. Der Begriff "Phubbing" (phone = Telefon + snubbing = vor den Kopf stoßen), ursprünglich als fiktive Marketing-Kampagne gestartet, geht aber noch einen Schritt weiter und beschreibt das Phänomen, wenn du die Menschen, die dir lieb sind, vernachlässigst – wegen (d)eines Smartphones. Eine engere Beziehung zum Handy als zum Partner? Das geht zu weit!

Handysucht: Ursachen, Symptome und Therapie
Hieß es nicht mal „Lebe den Moment“? Nicht: „Halte jeden Moment fest.“ (© 2017 Shutterstock/TijanaM)

Ausgerechnet eine App öffnet dir die Augen

Nicht jedem ist sein Smartphone-Nutzungsverhalten bewusst. Deshalb gibt es kleine elektronische Helferlein, die dir die Augen dafür öffnen, wie viel du eigentlich am Handy hängst. So zum Beispiel die von der Uni Bonn entwickelte App "Menthal". Die Anwendung ist im Zusammenhang mit einer Studie konzipiert worden, die die Universität unter Studenten durchgeführt hat. Sie untersucht das Telefonverhalten von 50 Teilnehmern über einen längeren Zeitraum. Dabei kam raus, dass ein Viertel der Befragten das Handy länger als zwei Stunden pro Tag nutzt. Im Schnitt aktivierten die Teilnehmer das Smartphone 80 Mal am Tag, einige sogar doppelt so häufig.

Die kostenlose App "Menthal" soll dabei helfen, das eigene Nutzungsverhalten zu hinterfragen. Du kannst sie als Test benutzen, um zu sehen, ob du Handysucht-gefährdet bist. Die Anwendung registriert, wie oft du täglich dein Telefon entsperrst, und welche Programme und Features du häufig nutzt.

Apps wie "OFFTIME", "QualityTime", "Checky" oder "HypnoBeep" schlagen eine ähnliche Richtung ein. Sie zählen, wie lange du es schaffst, dein Handy aus der Hand zu legen, blockieren bestimmte Funktionen für einen festgelegten Zeitraum oder belohnen Offline-Zeiten sogar mit einem Punktesystem.

Ohne geht nicht – stell dich deiner Handysucht!

Besagte Apps können dich also warnen, wenn du dich am Rand zur Handysucht befindest. Anders als bei einer stoffgebundenen Abhängigkeit wie Alkohol- oder Nikotinsucht handelt es sich dabei um kein greifbares Suchtmittel, das man konsumiert. Wie bei der Spielsucht sind Betroffene psychisch von einer Tätigkeit abhängig. Doch ab wann ist man handysüchtig? Wie lassen sich die Symptome messen und deuten?

Offizielle Diagnosekriterien gibt es bislang nicht, weil die Handysucht noch keine anerkannte Krankheit ist. Möglicherweise bist du aber gefährdet, wenn du folgende Fragen mit Ja beantwortest:

  • Beeinträchtigt dein Smartphone-Nutzungsverhalten die Konzentration bei der Arbeit?
  • Leiden deine Hobbys oder deine sozialen Kontakte durch den Handygebrauch?
  • Nutzt zu dein Smartphone in Stresssituationen zur Ablenkung oder zur Prokrastination?
  • Steht die Smartphone-Nutzung im Mittelpunkt deines Alltags bzw. ist sie die wichtigste Aktivität des Tages?
  • Verspürst du Ruhelosigkeit, Launenhaftigkeit und Reizbarkeit, wenn du das Handy zur Seite legst oder legen musst?
  • Beschäftigst du dich gedanklich mit dem Smartphone, auch wenn du es gerade nicht nutzt? Ziehst du die mit dem Telefon verbrachte Zeit mit Absicht in die Länge? 
Handysucht: Ursachen, Symptome und Therapie
Surprise, surprise: Du hast … null neue Nachrichten. Und trotzdem guckst du alle paar Minuten auf dein Smartphone. (© 2017 Shutterstock/Kiter_in)

Finger weg! – So machst du dich frei vom Smartphone

Die Selbsterkenntnis ist da, jetzt geht es darum, die Handysucht zu bekämpfen. Was du tun kannst? Schaff dir Freiräume und mach dich wieder unabhängig von deinem Smartphone! Dafür setzt du dir selber feste Regeln und brauchst die Disziplin, diese auch zu befolgen. Am besten schreibst du deine Vorsätze auf oder bittest deinen Partner, gute Freunde oder deine Familie dich bei deinen Plänen zu unterstützen.

  • Handyfreie Zone: Nimm dir vor, dein Telefon nicht mehr in Situationen zu benutzen, in denen du mit nahestehenden Menschen zusammen bist.
  • Unbequem: Hol dein Smartphone nicht mehr an gemütlichen Orten wie dem heimischen Sofa oder im Schlafzimmer raus.
  • Abschalten: Switche jeden Tag ab einer bestimmten Uhrzeit, zum Beispiel um 20 Uhr – oder am Wochenende komplett – in den Offline-Modus.
  • Therapie durch Funkloch: Auch ein paar Tage Auszeit in einer Gegend ohne guten Empfang wirken Wunder.
  • Back to Basics: Armbanduhr und Wecker ersetzen diese Funktionen auf dem Smartphone. In der Bahn liest dann du ein gutes Buch oder eine Zeitschrift anstatt die Newsfeeds der sozialen Netzwerke.
  • Schwer erreichbar: Trage dein Handy nicht in der Hosentasche, sondern verstaue es ganz unten im Rucksack. So kommst du weniger in Versuchung, ständig auf das Display zu schauen.
  • Smartphone-Etikette: Wenn du dein Mobiltelefon in der Gegenwart anderer benutzt, weise sie darauf hin, dass du "nur kurz" antwortest. Das ist höflicher, als plötzlich wortlos deine Aufmerksamkeit auf das Handy zu richten.

Beherzigst du diese Regeln für einige Zeit, wirst du merken, dass dein Phone gar nicht so smart und unersetzlich ist, wie du dachtest. Und echte soziale Beziehungen kann auch eine App aus der Zukunft nicht substituieren. 

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