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Na endlich: Transsexualität ist laut WHO keine psychische Störung mehr

von Sirany, 23.08.2018

Transsexuelle Menschen haben mit Vorurteilen in der Gesellschaft zu kämpfen. Die Einstufung von Transsexualität als “psychische Störung“ durch die WHO machte das nicht besser. Diese Einordnung wurde nun revidiert.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt in regelmäßigen Abständen ein Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen heraus, die “Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“, kurz ICD.

Erst im Jahr 1992 wurde Homosexualität als psychische Störung daraus entfernt. Transsexualität, also das Gefühl, nicht dem Geschlecht anzugehören, dessen körperliche Merkmale man zeigt, war in der ICD dagegen bis jetzt als “mental disorder“ klassifiziert. Im Juni 2018 hat die WHO nun eine erste Version der 11. ICD-Auflage vorgestellt und diese Einordnung revidiert.

“Geschlechtsinkongruenz“ statt “psychische Störung“

Transsexualität wird in der ICD-11 nicht mehr als Störung bzw. Krankheit aufgeführt, sondern im 17. Kapitel unter Sexualgesundheit als “Geschlechtsinkongruenz“ eingeordnet. Ferner ist hier zu lesen: “Geschlechtsinkongruenz äußerst sich durch eine deutliche und beständige Inkongruenz zwischen dem (bei Geburt) zugewiesenen Geschlecht und einem Geschlecht, dem sich ein Individuum zugehörig fühlt.“

Die Neueinordnung von Transsexualität trägt zu einem gewissen Grad zu ihrer Entpathologisierung bei und nimmt ihr das Stigma, etwas “Unnormales“ zu sein. Doch vielen transsexuellen Menschen und LGBTQ-Aktivisten (darunter fallen Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und queere Bevölkerungsgruppen) reicht das noch nicht.

Ist das genug?

Die Kritiker bemängeln, dass die ICD-11 erst im nächsten Jahr der Gesundheitsversammlung vorgestellt wird und dann voraussichtlich noch drei weitere Jahre verstreichen, bis die neue Klassifikation in Kraft tritt. Sie hätten sich eine umgehende Änderung gewünscht.

Des Weiteren fällt unter das Sexualgesundheits-Kapitel auch ein Verweis auf “paraphile Störungen“, also Störungen der Sexualpräferenz, die von der Gesellschaft als nicht normal angesehen werden und sogar unter Strafe stehen, etwa Exhibitionismus und Pädophilie. Weil die ICD-11 Geschlechtsinkongruenz auf dem Papier in die Nähe von Paraphilie bringt, befürchten transsexuelle Menschen, dass weiterhin eine Stigmatisierung stattfinden könnte.

Transsexueller Mensch schmiert sich Lippenstift auf die Lippen
Nicht jeder Transsexuelle möchte als Transgender bezeichnet werden und umgekehrt. Besser: Die Begriffe Trans* oder Transgeschlechtlichkeit, die weiter gefasst sind.

Was ist Transsexualität? Definition und Abgrenzung

Den Begriff Transsexualität haben wir am Anfang schon kurz erläutert. Trotzdem gibt es im Kosmos der Trans*Begriffe viele Fettnäpfchen, in die du treten kannst. Die Bezeichnungen “Transmann“, “Transfrau“ oder “Transmenschen“ hören viele transsexuelle Menschen zum Beispiel nicht so gerne. Auch Formulierungen wie “im falschen Körper geboren“ und “XY war früher ein Junge bzw. Mädchen“ sind ein No-Go. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität verweist für die Verwendung der richtigen Bezeichnungen auf einen Leitfaden der Organisation “Trans Inter Queer“. Die wichtigsten Begrifflichkeiten sind im Folgenden kurz erläutert (zur leichteren Verständlichkeit wird im weiteren Text einheitlich der Begriff Transsexualität verwendet).

  • Transsexualität: Transsexuelle Menschen fühlen sich nicht dem Geschlecht zugehörig, dessen körperliche Merkmale sie von Geburt an aufweisen. Um nach ihrer Geschlechtsidentität leben zu können, unterziehen sich viele Transsexuelle medizinischen Maßnahmen wie Hormonbehandlungen und Geschlechtsangleichungen. Auch eine Änderung des Vornamens und Personenstandes streben viele an.
  • Transgender: Transsexualität ist genau genommen eine Unterkategorie von Transgender. Dennoch wollen einige transsexuelle Menschen nicht dem Begriff Transgender zugeordnet werden, da dieser allgemeiner für Personen verwendet wird, die sich nicht (nur) mit dem von Geburt an zugewiesenen Geschlecht identifizieren oder das Zwei-Geschlechter-System ablehnen. Transgender kann also auch jemand sein, der mit männlichen körperlichen Merkmalen geboren wurde, gerne Röcke trägt und sich schminkt (Cross-Dressing), aber keine geschlechtsangleichenden Maßnahmen vornimmt. Im Englischen ist der Begriff Transgender mehr akzeptiert und schließt in der Definition auch transsexuelle Menschen ein.
  • Transgeschlechtlichkeit: Der Begriff ist bewusst weit gefasst. Transgeschlechtlich können demnach Transsexuelle, Transgender, Dragkings und -queens sowie Transvestiten und Cross-Dresser sein.
  • Trans*: Auch diese Bezeichnung ist extra weit gefasst, um die Vielfalt transgeschlechtlicher Identitäten und Lebensentwürfe einzuschließen. Das wird durch das Sternchen als Platzhalter für verschiedene mögliche Endungen auch visuell verdeutlicht (Beispiel: Trans*Rechte).
  • Transidentität: Kritiker bemängeln, dass der Begriff Transsexualität in die Irre leitet, weil es nicht um Sexualität, sondern um Identität geht. Daher wird immer häufiger die Bezeichnung Transidentität bzw. transident verwendet.

Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, dessen körperliche Merkmale sie von Geburt an haben, heißen übrigens Cisgender.

Das Zeichen für Transsexualität
Die meisten transsexuellen Menschen wollen kein Gutachten durch eine äußere Instanz, die ihnen ihre Geschlechtsidentität bescheinigt – sie möchten selbst(bestimmt) entscheiden.

Das Transsexuellengesetz in Deutschland: Ganz schön überholt?

Während international auf die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation geschaut wird, fordern transsexuelle Menschen in Deutschland ebenfalls eine Verbesserung ihrer rechtlichen Lage. Denn das Transsexuellengesetz von 1981 besagt, dass Transsexuelle zwei psychologische Gutachten vorlegen müssen, um eine Änderung ihres Vornamens und Personenstandes in die Wege zu leiten. Auch ein Antrag beim zuständigen Amtsgericht und eine Anhörung vor selbigem sind notwendig.

Transsexuelle Menschen und LGBTQ-Aktivisten kritisieren, dass sie selbst über ihre geschlechtliche Identität entscheiden können und dafür keine äußeren Instanzen notwendig sind, die ihnen ihre Mündigkeit absprechen. Cisgender und Intersexuelle (das sind Menschen, die genetisch oder anatomisch nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden können) müssten das schließlich auch nicht.

Nun könnte man argumentieren, dass sich seit dem Inkrafttreten des Transsexuellengesetzes schon viel getan hat, denn bis 2011 war sogar eine anatomische Geschlechtsangleichung nötig, um das Geschlecht in Ausweisdokumenten ändern zu lassen. Viele Transsexuelle befürworten jedoch eine komplette Abschaffung des Gesetzes – der Rückhalt in der Bevölkerung und auch bei den Parteien dafür wächst. 

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