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Mann sitzt abends im Büro

Freiwillige Überstunden für die Karriere: Ist das wirklich sinnvoll?

von Florian, 20.03.2018

Viele Young Professionals wollen während der ersten Jahre ihrer beruflichen Karriere schnell durchstarten und machen deshalb oft Überstunden. Aber ist diese zusätzliche Arbeit auf lange Sicht überhaupt sinnvoll?

Deine Ausbildung oder dein Studium ist beendet, im Ausland warst du auch schon. Nun willst du den nächsten Schritt machen und im Berufsleben Fuß fassen. Endlich richtig Geld verdienen, sich auch mal was leisten können. Hochmotiviert fährst du jeden Tag zur Arbeit, hängst dich voll rein und bist dir für keine Aufgabe zu schade. Auch wenn in deinem Arbeitsvertrag von 40 Wochenstunden die Rede ist, gehst du fast nie nach acht Stunden nach Hause, sondern bleibst länger. Schließlich willst du auffallen, dich von den anderen jungen Kollegen und Kolleginnen absetzen. Außerordentlicher Einsatz kann da nicht schaden und irgendwas ist schließlich immer zu tun.

In einigen Firmen gehören freiwillige Überstunden zum guten Ton

So denken und handeln viele ambitionierte junge Arbeitnehmer. Und sicherlich gibt es Vorgesetzte, die das wohlwollend zur Kenntnis nehmen, da sie selbst die ersten sind, die ins Büro kommen, und zu den letzten gehören, die wieder gehen. Diese Bosse erwarten von ihren Angestellten oft ein ähnliches Engagement.

Martin Wehrle
Martin Wehrle ist einer der bekanntesten Karriereberater Deutschlands und wurde für seine Fachbücher mit dem Coaching-Award (2016) ausgezeichnet.

Karriereberater und Bestseller-Autor Martin Wehrle empfiehlt Einsteigern deshalb, sich bei der Frage nach freiwilligen Überstunden zunächst ein Bild von den Gepflogenheiten im Unternehmen zu machen. "In Firmen, wo sich Chefs mit 14-Stunden-Arbeitstagen rühmen, gelingt der Aufstieg ohne Überstunden selten. Hier wird Anwesenheit mit Arbeitsleistung gleichgesetzt. Es gibt aber auch vernünftige Betriebe, in denen Chefs eher pünktlich nach Hause gehen. Hier kommt es eher auf Arbeitsergebnisse als auf Arbeitszeiten an."

Überstunden führen in der Regel nicht zu mehr Produktivität

Willst du also schnell nach oben in einem Unternehmen, in dem es mehr um Schein als Sein geht, werden sich Überstunden vermutlich für dich auszahlen. Zumindest auf den ersten Blick. Ob diese Arbeitsweise langfristig sinnvoll ist, ist allerdings eine andere Frage. Generell sieht Wehrle freiwillige Überstunden kritisch. "Dienst nach Vorschrift“ hat in seinen Augen zu Unrecht einen schlechten Ruf. Denn wer übermäßig lange bleibt, setze sich dem Verdacht aus, in der regulären Zeit nicht genug gebacken zu bekommen. Arbeitgeber sollten Wehrle zufolge daher mehr auf die Leistung an sich schauen – und weniger auf die Zeit, in der sie erbracht wurde.

Zudem führen Überstunden in der Regel nicht zu mehr Produktivität. "Warum sind Schultage nur sechs Stunden lang? Weil die menschliche Konzentration begrenzt ist", erklärt der Karrierecoach. "Gerade wenn Menschen mit dem Kopf arbeiten, wenn sie Ideen entwickeln oder Projekte koordinieren, dann halte ich lange Arbeitszeiten für höchst gefährlich: Was, wenn nach zehn oder 14 Stunden ein schwerer Fehler passiert? Lkw-Fahrer dürfen nur eine begrenzte Zeit am Steuer sitzen, weil sie sonst den Straßenverkehr gefährden. Das sollte auch für Mitarbeiter und Führungskräfte gelten."

Frau macht Feierabend
Wer rechtzeitig Feierabend macht, ist in der Regel weniger krank und zufriedener bei der Arbeit.

"Projekte ruhig mal an die Wand fahren lassen"

In manchen Unternehmen gehören Arbeitszeiten von zehn Stunden oder mehr am Tag dennoch zur Tagesordnung, da die Ansicht herrscht, dass die anfallenden Aufgaben gar nicht erledigt werden könnten, würden alle Angestellten pünktlich nach Hause gehen. Und solche Szenarien sind keine Einzelfälle, wie Wehrle zu berichten weiß. "Viele Teams sind derart zusammengestrichen worden, dass sieben Leute die Arbeit von zehn machen. Sie leisten Überstunden aus Notwehr. Aber hier möchte ich Menschen ermutigen, öfter mal Projekte an die Wand fahren zu lassen. Nur so fällt dem Management auf, wo das eigentliche Problem liegt: in der zu geringen Personalstärke – und der zu großen Arbeitsmenge."

Reichen auch sechs Stunden Arbeit pro Tag?

Dass es auch anders funktionieren kann, zeigen erfolgreiche Modellversuche in Schweden. Ausgehend von der These, dass Überstunden nicht zu mehr Produktivität führen, haben die Skandinavier das Gegenteil ausprobiert und die Arbeitszeit verkürzt. Vor allem im  Gesundheits- und Sozialsektor wurde ein Sechs-Stunden-Tag bei gleichem Lohn eingeführt. Das Ergebnis: Der Krankenstand sank erheblich, die Arbeitszufriedenheit stieg an.

Zur Person

Martin Wehrle ist „Deutschlands bekanntester Karriereberater“ (Focus) und Bestseller-Autor. An seiner Karriereberater-Akademie ( www.karriereberater-akademie.de) bietet er seit 2007 eine Coaching-Ausbildung an. Sein aktuelles Buch heißt: „Der Klügere denkt nach – Von der Kunst, auf die stille Art erfolgreich zu sein“ (Mosaik, 2017).

Und auch der Gefahr, dass Mitarbeiter früh ausbrennen, wird auf diese Weise entgegengewirkt. "Die Burnout-Quote hat sich in den letzten Jahren vervielfacht", weiß Wehrle. "Wer als Held der Arbeit antritt, endet nicht selten in der Klinik, weil er erschöpft ist. Arbeitgeber täten gut daran, die gesundheitlichen Ressourcen ihrer Arbeitnehmer möglichst gut zu schonen. Es ist wie bei einem Auto: Wer immer nur Vollgas fährt, verschleißt den Motor und die Reifen viel früher – und landet wesentlich öfter im Graben."

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