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Eine Initiative der
Tina Hüttl

Traumjob Gastrokritikerin: Tina hat ihr Hobby zum Beruf gemacht

von Florian, 29.05.2018

Gastrokritikerin Tina Hüttl erzählt, wie sie zu ihrem Traumjob kam, welche Voraussetzungen ein Restauranttester mitbringen sollte und was bei Verrissen passieren kann.

Wenn Tina Hüttl in der nächsten Zeit ein Restaurant besucht, kommt ihr eine Sache bestimmt nicht auf den Teller: Pulpo. Doch das liegt keineswegs daran, dass ihr Oktopus nicht munden würde, sondern weil sie einfach nicht mehr weiß, was sie über das Tier noch schreiben soll. "Pulpo steht in fast allen besseren Restaurants der Hauptstadt auf der Karte, in allen Variationen. Das Thema ist vorerst abgearbeitet", sagt die Wahl-Berlinerin.

Ein Anruf hat Hüttl zur Gastrokritikerin gemacht

Tina Hüttl ist Gastrokritikerin. In erster Linie schreibt sie eine wöchentliche Kolumne für die "Berliner Zeitung, ab und zu wird die freie Autorin auch von anderen Medien angefragt. "Lebensmittel, Kochen, Essen und der damit verbundene Genuss haben in meinem ganzen Leben schon immer eine große Rolle gespielt", sagt Hüttl. Die 42-Jährige hat ihr Hobby zum Beruf gemacht – obwohl dieses Glück eher einem Zufall geschuldet war.

Denn eine Ausbildung als Koch oder in anderen Bereichen der Gastronomie kann sie nicht nachweisen. Sie ist ausgebildete Journalistin und hat in vielen Bereichen gearbeitet, bis sie einen Anruf des stellvertretenden Chefredakteurs der "Berliner Zeitung" bekam. Er fragte, ob sie nicht Lust hätte, das Gesicht einer neuen Gastrokolumne zu werden. Das ist jetzt mehr als sechs Jahre her. "Ich glaube, dass mir meine Leser treu sind, weil ich auf Augenhöhe für sie schreibe und nicht nur über Sterne-Gastronomie und Fine Dining, wie das vielleicht andere gestandene Gastrokritiker machen", sagt Hüttl.

Vegetarier und Raucher haben es schwer

Ein paar weitere Voraussetzungen als nur die Liebe zum Essen sollte ein angehender Restauranttester aber schon mitbringen. Nichtraucher zu sein, zum Beispiel. Denn Raucher sind benachteiligt, weil der Qualm den Geschmackssinn beeinträchtigt. Als Vegetarier oder Veganer hast du es ebenfalls schwer, da Fleisch immer noch ein großer Bestandteil der Esskultur ist, den ein Kritiker mit abdecken muss. Und auch mit Wein solltest du dich zumindest am Rande auskennen, denn das Thema "Wine and Food Pairing", also das Zusammenspiel zwischen den Gerichten und der passenden Weinbegleitung, wird immer wichtiger.

Mehrmals die Woche zum Undercover-Dinner

Zwei bis dreimal in der Woche geht Hüttl für eine Kolumne essen, da nicht jeder Restaurantbesuch genug Interessantes hergibt. Die Tests laufen anonym ab, Hüttl meldet sich vorher weder an noch reserviert sie unter ihrem Namen. Falls sie erkannt wird, ist das aber nicht tragisch. "Die Mitarbeiter können sich dann vielleicht etwas mehr Mühe geben, aber spontan ein neues Menü zu kreieren oder andere Produkte einzukaufen, ist eben nicht möglich", erklärt Hüttl.

Sie bestellt meist mehrere Gerichte oder geht mit Kollegen essen, um einen umfassenden Eindruck zu bekommen. Die Rechnung bezahlt die geborene Münchnerin am Ende wie jeder andere Gast auch, bekommt das Geld aber vom Verlag erstattet.

Restaurants testen heißt nicht nur essen gehen

Von den ersten Recherchen bis zum letzten Satzzeichen von Tinas Kolumne vergehen durchschnittlich eineinhalb bis zwei Tage. "Die Recherche ist bei diesem Job nicht zu unterschätzen: Wie arbeitet die Küche, woher bezieht sie ihre Produkte, was hat der Koch für eine Vergangenheit, welche Trends gibt es aktuell und so weiter. Ich informiere ich mich so gut ich kann, am besten schon, bevor ich irgendwo essen gehe. Ist das nur schwer oder gar nicht möglich, stelle ich hinterher meine Fragen."

Tina Hüttl (m.) sieht Köchen bei der Arbeit über die Schulter.
Tina Hüttl (m.) sieht Köchen bei der Arbeit über die Schulter.

Gourmet-Führer und Foodblogger

Gastrokritik in Zeitungen oder Zeitschriften ist dabei nur ein Feld, in dem Restauranttester tätig sind. Der zweite große Bereich ist die Welt der Gourmet-Führer, hier sind insbesondere der "Gault Millau" und der "Guide Michelin" zu nennen.

Vor allem die Michelin-Tester müssen selbst nicht unbedingt schreiben können, da sie ihre Bewertungen viel kürzer fassen oder an Redakteure weiterleiten. Hier zählt im Endeffekt die Vergabe von Sternen. Dafür benötigen die Inspektoren eine fundierte Ausbildung an einer Hotelfachschule und darüber hinaus bis zu 10 Jahre Berufserfahrung in einem Hotel oder Restaurant. Beim "Gault Millau", der Punkte und Hauben verteilt, ist bei der Suche nach neuen Testern eine Mischung aus Schreibtalent und Feinschmeckerwissen gefragt.

Sich dieses Wissen anzueignen, dauert offenbar recht lange. Denn sowohl bei den klassischen Medien als auch bei den Gastro-Guides sind regelmäßige Restauranttester, die in den Zwanzigern oder Dreißigern sind, die absolute Ausnahme. In vielen Fällen wird die Aufgabe, Restaurants testen zu dürfen, als Privileg angesehen, das sich erst verdient werden muss.

Dabei entdecken zunehmend auch jüngere Menschen mit geringerem Budget die Esskultur für sich. Foodporn auf Instagram, ständig wechselnde Ernährungstrends, hippe und angesagte Restaurants, die gleichzeitig Szenetempel sind. Immer mehr Young Professionals definieren sich über das, was sie essen und wo sie es tun.

Und um diese Zielgruppe besser abzuholen, etablieren sich als drittes Segment zusehends meist ebenfalls jüngere Foodblogger. Ihre Worte bekommen immer mehr Gewicht, das weiß auch Hüttl zu berichten. Das Medium Zeitung oder ein gedruckter Gastro-Guide erscheint für viele Foodblog-Leser der Generation Y wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Allerdings erscheint die Unabhängigkeit der Berichterstattung bei Foodblogs in einigen Fällen fragwürdig. Schließlich finanzieren sich die Blogger in erster Linie über Werbung auf den Seiten – und unter den Werbekunden sind eben auch viele Restaurants.

Ein Gastrokritiker macht sich Notizen.
Schmeckt das Essen oder nicht? Ein Gastrokritiker macht sich Notizen.

Auf Verrisse folgen schon mal bitterböse Briefe

Tina Hüttl ist da frei von jedem Verdacht, schließlich wird sie von der Zeitung für Lobenshymnen genauso bezahlt wie für Verrisse. Doch diese kommen bei ihr nur in etwa einem von zehn Fällen vor. "Ich teste ja auch nicht irgendeinen Durchschnitts-Italiener, der in erster Linie mit günstigen Preisen wirbt, sondern meist neue, spannende Restaurants, die einiges versprechen. Und da ist das Essen in den seltensten Fällen wirklich miserabel."

Wenn sie dann doch mal eine schlechte Kritik schreibt, bekommt sie auch bitterböse Briefe mit Inhalten wie "sie hätte das Konzept der Gerichte einfach nicht verstanden." Ein Hausverbot hat ihr allerdings noch kein Lokal erteilt. Auf der anderen Seite erhält Hüttl dauernd Einladungen, doch mal vorbeizukommen und sich kostenlos durch die Karte zu essen. Das nimmt sie in einigen Fällen auch an, verzichtet dann aber auf eine Gastrokritik des Gastgeberlokals.

Gastrokritikerin Tina Hüttel
Wenn es Tina Hüttel schmeckt, freuen sich die Restaurants.

Einen Nachteil hat der Traumjob Gastrokritikerin allerdings doch: Einfach nur "normal" essen gehen kann sie nicht mehr. "Selbst wenn ich mit Freunden privat unterwegs bin, achte ich penibel auf das, was auf den Tellern liegt und will auch immer alles probieren. Totale Entspannung sieht anders aus. Das ist vielleicht der Fluch eines Gastrokritikers."

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