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A Few Good Friends
Eine Initiative der
Jura von der Biokiste: Pionier in Sachen regionale Lebensmittel

Biokiste Hamburg: "Wir sind die gesunde Alternative zum Pizzaservice"

von Florian, 26.10.2017

Jura Nordhausen ist ein wenig im Stress, als der Termin zum Gespräch mit A Few Good Friends in seinem Büro in Hamburg-Stellingen ansteht. Der Gründer der Biokiste hat just einen Anruf eines Zulieferers bekommen, dass Rehe in der Nacht den Salat angeknabbert hätten. Die bestellte Menge kann die Gärtnerei deshalb nicht garantieren.

"Es ist bei uns ein wenig wie an der Börse, jeden Tag passiert etwas Unerwartetes", erklärt der 33-Jährige, der trotzdem mit niemandem tauschen möchte. Bevor sich Jura aufmachen muss, um die Ernteschäden auf dem Acker zu begutachten, spricht er mit uns über seine Ideale, Existenzängste und gutes Essen.

A Few Good Friends: Jura, du hast nach dem Abitur eine Ausbildung zum Landwirt gemacht und im Alter von 24 Jahren die Biokiste gegründet. Kein alltäglicher Werdegang…

Jura Nordhausen: Auf keinen Fall. Ich wollte auch erst an die Uni gehen und ein Grafikstudium angehen, habe aber gemerkt, dass ich lieber lernen möchte, was es heißt, zu arbeiten. Ich hatte mich schon zur Schulzeit fürs Kochen und Naturkost begeistern können, deshalb dieser ungewöhnliche Schritt. Die Ausbildung hat mir dann soviel Spaß gemacht, dass ich im Anschluss eine kleine Gärtnerei gegründet habe – der Vorläufer der Biokiste.

Die Idee, Obst und Gemüse an die Haustür zu liefern, war ja auch im Jahr 2009 nicht mehr ganz neu. Was hat dich dennoch bewogen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen?

Jura: Der Markt war zu der Zeit in Hamburg noch nicht gesättigt. In München gab es 18 vergleichbare Betriebe, hier vielleicht vier. Die Idee war, mit der Biokiste auch Studenten und Singles abzuholen, die nicht 40 oder 50 Euro investieren wollen, sondern vielleicht 10 bis 15. Auch die Biokiste wird zum Wunschtermin in den sechsten Stock geliefert, quasi als Alternative zum Pizzaservice.

Und dieses Konzept funktionierte von Beginn an?

Jura: Ich habe mit elf Kunden angefangen – alles selber gepackt, selber ausgeliefert. Ich hatte zudem kaum Ahnung von betriebswirtschaftlichen Dingen und deshalb auch viele Fehler gemacht. Zum Beispiel hatte ich vergessen, den Kunden das Pfand für Getränkeflaschen zu berechnen, es bei der Rückgabe aber wieder ausgezahlt (lacht). Mittlerweile läuft es aber gut. Wir liefern rund 500 Biokisten pro Woche und hier arbeiten jetzt außer mir noch zweieinhalb festangestellte Leute sowie einige Aushilfen.

Bioksite Hamburg
Als gelernter Landwirt hilft Jura gerne selbst bei der Ernte.

Hattest du nie Existenzängste?

Jura: Doch, dauernd. Ich war immer der größte Zweifler. Es war eine Mischung aus Hilflosigkeit und Mut, da ich ja wusste, dass die Branche mit Bio-Lebensmitteln weiter wächst. Wenn jetzt sogar große Konzerne wie Rewe auf das Liefern von regionalen Lebensmitteln setzen, kann ich so falsch nicht liegen mit meiner Idee. Aber man benötigt schon ein gewisses Maß an Idealismus, um das durchzustehen.

Wie sehen deine Ideale denn aus?

Jura: Ich habe mich schon immer für Naturschutz interessiert und für die reinen Produkte, die die Natur hergibt. Und ich wusste schon immer, dass ich beruflich etwas machen möchte, hinter dem ich voll stehen kann. Ich mache meinen Job aus Leidenschaft und Überzeugung, genauso wie unsere Partnerbetriebe und meine Mitarbeiter. Die freuen sich zum Beispiel, dass sie jede Woche Obst und Gemüse mit nach Hause nehmen können, das übriggeblieben ist.

Biokiste Hamburg
Jura freut sich über die Kürbisse, die Gärtner Henning Frenßen von der Gärternei Grünkorb für ihn reserviert hat.

Du hattest es schon angesprochen: Die Konkurrenz wächst, jetzt liefert sogar Amazon Lebensmittel. Kann ein kleiner Betrieb wie die Biokiste da auf Dauer überhaupt bestehen?

Jura: Da habe ich überhaupt keine Angst vor. Zum einen gibt es ein viel größeres Bewusstsein für gute Lebensmittel als früher und damit auch mehr potenzielle Kunden, zum anderen wissen meine Kunden, was sie an der Biokiste haben: Ich kenne alle meine Zulieferer persönlich, fahre dort auf die Höfe und Felder und ernte das Gemüse teilweise selber. Ich stehe für die Qualität der Produkte quasi selber ein.

Reicht das als Alleinstellungsmerkmal aus?

Jura: Unser großer Vorteil ist die Frische der Produkte, die wir garantieren können. Das Obst und Gemüse, das in der Biokiste liegt, wird in der Regel am Vortag geerntet. Das mag auf dem Markt zwar ähnlich sein, doch welcher Berufstätige hat schon Zeit, dort in Ruhe zu stöbern. Und Supermärkte werden immer von einem Großmarkt bestückt, da vergehen zwischen Ernte und Verkauf mehrere Tage.

Biokiste Hamburg
Jura setzt sich noch jede Woche selbst ins Auto und liefert die Biokisten zu seinen Kunden.

Warum verkaufen die Landwirte denn überhaupt an dich und nicht auf dem Markt oder an den Großhandel?

Jura: Der Landwirt oder Gärtner ist glücklicher, an uns zu verkaufen, da er höhere Preise nehmen kann als beim Supermarkt. Auf der anderen Seite ist es für uns immer noch günstiger, direkt beim Erzeuger einzukaufen, als beim Großmarkt. Insofern profitieren alle davon. Dazu kommt noch die ideelle Sache: Menschen, denen es in erster Linie um die Lebensmittel geht und nicht ums Geld, ziehen an einem Strang und halten zusammen.

Du bist ja jetzt mehr Kaufmann als Landwirt. Wie sieht denn ein Alltag aus?

Jura: Ich arbeite knapp 60 Stunden die Woche. Die Hälfte der Zeit geht für die Administration drauf, Büroarbeit wie bei vielen anderen auch. Weitere 30 Prozent sitze ich im Auto auf dem Weg zu Partnern oder Kunden. Ich bin aber nach wie vor regelmäßig auf den Feldern, helfe bei der Ernte und bin so ganz nah am Produkt.

Biokiste Hamburg:
Eine Chili im Qualitätscheck: Jura probiert bei der Ernte lieber selbst.

Juras Biokisten ab 10,50 Euro an die Haustür

Die Biokiste Hamburg liefert neben Obst und Gemüse auch Brot, Eier, Molkereiprodukte und Getränke – natürlich alles in Bio-Qualität. Es gibt Kisten in verschiedenen Größen (ab 10,50 Euro) und mit verschiedenen Schwerpunkten – zum Beispiel für Rohkost oder mit Zutaten, die sich besonders für Smoothies eignen. Kunden können sich ihre Kisten aber auch selbst zusammenstellen. Weitere Informationen findest du  hier. Biokisten gibt es auch in vielen anderen deutschen Städten. Eine Übersicht findest du  hier.

Viel Arbeit in so jungen Jahren. Kannst du überhaupt noch Hobbys ausüben und Freundschaften pflegen?

Jura: Problematisch war es nur, wenn ich versucht habe, Freunde mit in das Projekt Biokiste einzuspannen. Das ging oft nach hinten los. Aber ich habe nach wie vor gute Freunde, habe noch Zeit, Basketball zu spielen und führe sogar eine glückliche Beziehung.

Nach fast neun Jahren Biokiste: Denkst du manchmal, ja, jetzt habe ich meinen Traum wahrgemacht?

Jura: Ich kann auf jeden Fall aufhören, mir jeden Tag Sorgen machen zu müssen. Letztens stand ich an einer Bar, da unterhielten sich zwei Mädels ganz angeregt über die Biokiste, ohne dass sie mich gekannt hätten. Das war schon ein gutes Gefühl – wir sind in Hamburg mittlerweile offenbar ein wenig etabliert.

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