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A Few Good Friends
Eine Initiative der
Fahrradkurier Simon bei gutem Wetter unterwegs

Gegen die Zeit: Simon ist als Fahrradkurier auf den Straßen unterwegs

von Florian, 06.07.2018

Simon fährt jeden Tag rund 100 Kilometer Fahrrad, bei Wind und Wetter. Was ihn am Job des Fahrradkuriers so reizt, warum er auf eine Gangschaltung verzichtet und wie seine Bezahlung aussieht, verrät er im Interview.

Zum Gespräch mit Simon haben wir uns in Düsseldorf an der Rheinpromenade verabredet. Der 26-Jährige arbeitet seit zwei Jahren hauptberuflich als Fahrradkurier bei der Firma Rotrunner und studiert nebenbei noch Medientechnik. Simon erscheint mit leichter Verspätung, dafür aber nicht nur mit seinem Rad, sondern gleich mit einem weiteren Bike im Schlepptau. Das ist für mich gedacht, da das Interview zwei Kilometer entfernt am Strand stattfinden soll, wo eine kleine Siegerehrung steigt. Denn auch an seinem freien Tag ist der gebürtige Münchner den ganzen Tag geradelt – bei einer Fahrradrallye hat er immerhin den fünften Platz belegt.

A Few Good Friends: Du fährst offensichtlich gerne Fahrrad. Dennoch ist der Job als Fahrradkurier vermutlich anstrengend, stressig, nicht unbedingt krisensicher und wird mäßig bezahlt. Klingt nicht gerade nach einem echten Traumberuf…

Simon (lacht): Für mich ist er das. Die genannten Aspekte sind aus meiner Sicht entweder keine großen Nachteile oder ich nehme sie gern in Kauf.

Dann erzähl doch mal, was dich an dem Job so reizt.

Simon: Ich habe vor meiner Kurierzeit eineinhalb Jahre im Büro als Finance Manager gearbeitet, und das hat mich zum Schluss so gar nicht mehr erfüllt. Ich bin nicht der Mensch, der seine Zeit irgendwo absitzen kann, sondern will etwas machen, auch körperlich. Und als Fahrradkurier merkst du irgendwann, wie sich dein Körper an die Belastungen gewöhnt, Kraft aufbaut und du in dem Job immer besser wirst. Dann willst du diese Arbeit auch nicht mehr missen.

In Düsseldorf herrschen aber nicht immer um die 22 Grad und Sonnenschein wie heute – vermutlich ist es an neun von zwölf Monaten entweder, zu kalt, zu heiß, zu windig oder zu regnerisch…

Simon: Also vor allem Eiseskälte und Nässe zehren schon an mir. 3 Grad, Regen und ständige Dunkelheit – ich erinnere mich grad auch nicht mehr, wie ich über den Winter gekommen bin. Plötzlich weiß man gute Klamotten, die richtig warmhalten, zu schätzen.

Als Fahrradkurier schnell unterwegs
Trotz teils erheblicher Lasten auf dem Rücken ist Simon in der Regel rasant unterwegs.

Was muss man denn mitbringen, um ein guter Fahrradkurier zu werden?

Simon: Man muss in erster Linie stressresistent sein. Der eine will wissen, wo du bist und wie lange du brauchst, dann kommt die Anfrage für eine neue Tour, gleichzeitig musst du den Verkehr im Auge behalten und Autos ausweichen. Und im Hinterkopf hast du immer den generellen Zeitdruck. Darüber hinaus musst du natürlich gewisse körperliche Voraussetzungen und logistisches Grundverständnis mitbringen.

Und dein Arbeitsgerät? Ohne ein Top-Bike ist man vermutlich aufgeschmissen...

Simon: Ich und die meisten anderen Kuriere fahren mit Fixie-Rädern. Das sind Bikes ohne Gangschaltung mit einer sogenannten Starrnabe statt eines Freilaufs. Die sind am pflegeleichtesten, da geht wenig kaputt. Und in Düsseldorf gibt es kaum Berge, für die ich verschiedene Gänge bräuchte.

Also ich würde vermutlich zum E-Bike greifen...

Simon (grinst): Also das ist wohl auch so ein Ego-Ding. Mit einem E-Bike ginge auf jeden Fall ein wenig Fahrspaß verloren. Zudem fällt die elektrische Unterstützung bei hohen Geschwindigkeiten ja weg, dann hast du nur noch ein Bike mit ziemlich viel Gewicht an den Hacken.

Wie sieht denn ein typischer Tag als Fahrradkurier aus?

Simon: Wir arbeiten nach Schichtplan. Wenn ich anfange, kontaktiere ich zunächst meinen Funker und entscheide dann, welche Touren geografisch am besten passen oder welche am besten bezahlt werden. Dann geht’s für die nächsten acht Stunden aufs Bike, wobei es zwischendurch auch immer mal Pausen gibt, weil keine Aufträge vorliegen. Manchmal werden es aber auch neun Stunden, wenn viel los ist.

Fahrradkurier glücklich am Strand von Düsseldorf
Simons Terrain abseits des Jobs als Fahrradkurier: Der Rheinstrand in Düsseldorf.

Du arbeitest vier oder fünf Tage die Woche, acht Stunden am Tag – bist du da nicht völlig fertig am Wochenende?

Simon: Am Anfang war es schon extrem anstrengend. Ich fahre immerhin durchschnittlich 100 Kilometer am Tag. Aber das gibt sich irgendwann, wenn dein Körper an die Belastungen gewöhnt ist und du jede Straße in der Innenstadt auswendig kennst. Ich mache mich auch nicht mehr verrückt auf dem Bike – ich fahre zwar schnell, aber immer entspannt.

Das sagst du so einfach, immerhin bist du dann ja meist auch noch mit Gepäck beladen...

Simon: So schwer ist das oft nicht, und das Gewicht verteilt sich ja gut auf dem Rücken. Einmal sollte ich allerdings Bremsscheiben auf dem Rad transportieren, das war grenzwertig. Mir ist dann sogar ein Reifen geplatzt.

Was transportiert ein Fahrradkurier denn in der Regel?

Simon: Oft haben wir Lieferungen aus dem medizinischen Bereich oder von Anwälten. Ich habe einer älteren Frau aber auch schon mal ihr Brot geliefert. Das war allerdings nicht geschnitten. Da bin ich dann zurück zum Bäcker, hab es schneiden lassen und bin wieder zu der Kundin gefahren.

Wie verdienst du denn dein Geld? Bekommst du Stundenlohn oder ein festes Monatsgehalt?

Simon: Ich bin selbstständig, wie alle anderen Fahrer bei Rotrunner auch. Das bedeutet, ich werde nach Touren bezahlt. Arbeite ich mehr, verdiene ich auch mehr. Pro Tour gebe ich einen Teil an die Firma als Vermittlungsgebühr ab. Außerdem arbeite ich auch noch in Duisburg für den Pony Riders Courier Service.

Kann man als Fahrradkurier denn gutes Geld verdienen?

Simon: Das ist wohl Ansichtssache und hängt davon ab, wie schnell du bist. Wir haben auch viele ältere Fahrer, die das schon länger machen und gut davon leben können. Wenn dir aber ein großes Auto und andere Statussymbole wichtig sind, dann ist es vermutlich zu wenig.

Apropos schnell. Fahrradkuriere haben bei anderen Verkehrsteilnehmern ja nicht immer den besten Ruf, weil sie angeblich rücksichtslos fahren.

Simon: Es gibt sicherlich schwarze Schafe unter den Fahrradkurieren, die Verkehrsregeln maximal als Empfehlung betrachten. Ich sehe mich selbst jedoch nicht als Fahrradrüpel. Im Vergleich zu früher bin ich viel braver geworden (lacht).

Schnelle Fahrradkuriere müssen bestimmte Muskeln anspannen
Waden angespannt und auf geht´s: Düsseldorf hat zum Glück viele flache Straßen ohne schwere Anstiege.

Und du selbst hast auch keine Probleme mit Autofahrern, die dich schneiden oder noch Gefährlicheres veranstalten?

Simon: In der Regel sind Autofahrer rücksichtsvoll. Du musst dir den Platz auf der Straße aber auch nehmen, sonst kommst du nicht voran. Einen Unfall hatte ich glücklicherweise noch nicht. Es gibt aber auch asoziale Exemplare, die dich anpöbeln, was du auf der Straße überhaupt zu suchen hast.

Wie viel länger würdest du denn am Tag brauchen, würdest du dich an jede Verkehrsregel halten?

Simon (lacht): Gute Frage. Eine noch bessere wäre: Wie viel Geld spare ich, wenn ich an allen roten Ampeln stehen bleibe? Aber im Ernst: Ich bekomme vielleicht einmal im Jahr Post von der Polizei. Das ist noch zu verkraften.

Und du kannst dir auch vorstellen, bis zur Rente als Fahrradkurier zu arbeiten?

Simon: Ich will zwar mein Studium zeitnah fertigbekommen, aber ich tue mich schwer damit, den Job danach komplett aufzugeben. Vielleicht ist es ja möglich, zur Hälfte im Bereich der Medientechnik zu arbeiten und zur anderen Hälfte Fahrradkurier zu bleiben. Das hätte was.

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