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A Few Good Friends
Eine Initiative der
Autorin Bianca Jankovska

Gegen Türen treten – Bianca Jankovska hat ihr erstes Buch geschrieben

von Sirany, 30.05.2018

Bei Themen, die ihr etwas bedeuten, nimmt Bianca Jankovska kein Blatt vor den Mund, auch wenn sie damit aneckt. Das hat ihr einen Vertrag mit dem Rowohlt Verlag eingebracht. Sie ist bislang die jüngste Autorin, die dort ein Sachbuch veröffentlicht.

Zum Interview treffe ich Bianca in bester Berliner Lage. Verabredet sind wir im Halleschen Haus in Kreuzberg, direkt am Ufer des Landwehrkanals. Bevor wir dort zu Mittag essen, stöbern wir im integrierten Verkaufsraum. Das Hallesche Haus ist ein Shop für schicke Designer-Haushaltswaren und Kantine zugleich. Und irgendwie auch Workspace. Auffällig viele Leute sitzen hier an ihren Laptops und arbeiten. Das ist auch für Bianca interessant, die als freie Autorin immer wieder auf der Suche nach Cafés ist, in denen sie konzentriert schreiben kann, ohne dabei dem Smalltalk von Touristen zu lauschen.

A Few Good Friends: Bianca, dein erstes Buch “Das Millennial-Manifest“ erscheint im Oktober. Mit dem Begriff “Manifest“ sind bestimmte Ansprüche verbunden. Welche Erwartungshaltung soll der Titel beim Leser wecken? 

Über die Autorin

Bianca Xenia Jankovska, Jahrgang 1991, ist gebürtige Wienerin mit slowakischen Wurzeln. Nach dem Studium der Publizistik und Politikwissenschaft baute sie die Redaktion “Bento“ für “Spiegel Online“ mit auf und schrieb dort über Internetdiskurse, Popkultur und Adoleszenz. Seit fast einem Jahr lebt sie ihre Selbstständigkeit aus und arbeitet als freie Autorin in Berlin. Auf ihrem Blog und bei Instagram lässt sie uns als “Groschenphilosophin“ an ihren Gedanken zu ihren Lieblingsthemen “Modern Work Life“, “Life As an Introvert“ und “Internet & Identität“ teilhaben. Und darum geht es auch in ihrem ersten Buch “ Das Millennial-Manifest“, das am 19. Oktober 2018 im Rowohlt Verlag erscheint. Es ist eine Abrechnung mit den prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen, mit denen die akademische digitale Kreativszene zu kämpfen hat.

Bianca Jankovska: Der Titel hat sich eigentlich mehr von Verlagsseite aus ergeben. Ich glaube, dass er auch ein Verkaufsargument ist, weil durch den Begriff alleine schon so viele Erwartungen geweckt werden. Fun Fact: Ich habe beim Schreiben nicht einmal gewusst, dass ich ein Manifest verfasse – und dann ist es eins geworden. Obwohl ich keine Ansprüche an Vollständigkeit oder Allgemeingültigkeit erhebe, denke ich, dass mein Buch viele ansprechen wird. Es wird aus der Perspektive einer relativ durchschnittlichen Person geschildert – meiner Perspektive. Durch meinen Background – ich komme aus dem Wiener Arbeitermilieu und habe einen Migrationshintergrund – glaubt man mir meine Haltung und meine Ansprüche an die Gesellschaft vielleicht mehr als einer Autorin, die aus elitären Kunstkreisen kommt.

Magst du ein paar deiner Ziele und Absichten, die im Buch thematisiert werden, wiedergeben?

Bianca: Mein Anspruch ist, dass sich unsere Generation nicht von den ausbeuterischen Strukturen auf dem Arbeitsmarkt unterkriegen lässt und dort herrschende Umstände offen kritisiert. Ich möchte den Menschen mit meiner Geschichte ein gewisses Selbstbewusstsein vermitteln. Ich will zeigen, dass sie sich nicht verbiegen müssen, auch wenn das andere von ihnen verlangen – weder auf dem Arbeitsmarkt noch in der Liebe.

Richtet sich das Buch wirklich nur an die “Millennials“, wie es der Titel suggeriert?

Bianca: Jein. Ich glaube, es ist auch an Eltern adressiert, die sich dafür interessieren, wie ihre Kinder ticken. Obwohl ich da als schreibende Akademikerin natürlich nicht für alle sprechen kann und möchte – immerhin bin ich durch mein Doppelstudium reich an Bildung und lebe ein halbwegs privilegiertes Leben in Berlin, das es mir als Selbstständige erlaubt, bis neun Uhr auszuschlafen, statt um sieben Uhr in der Werkstatt zu stehen und zum Beispiel Autos zu reparieren. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten geht es mir heute im Vergleich zu vor drei Jahren deutlich besser.

Aber das Buch richtet sich definitiv auch an Leute wie meine Tante, die mit 55 Jahren eine gute Pension in Österreich beziehen. Wenn ich sie frage, ob sie heute gerne noch mal jung wäre, antwortet sie: „Aber ganz sicher ned“. Da merkt man: Die ältere Generation will heute nicht mehr jung sein und in dieser Gesellschaft um das berufliche Ansehen kämpfen müssen. Ich für meinen Fall weiß weder, wie lange ich arbeiten werde, noch was. Ob es eine ausreichende Rente für mich geben wird? Ich bezweifle es.

Und wie sieht es mit den nachfolgenden Generationen aus? Wird das “Millennial-Manifest“ für sie noch nachvollziehbar sein?

Bianca: Ich glaube schon. Die Millennials sind Vorreiter in Sachen Emanzipation am Arbeitsplatz – Flexibilität, Homeoffice, Eigenständigkeit. Und ich denke, dass die Generationen, die nach uns kommen, das genauso sehen werden. Die werden nicht plötzlich wieder sagen: „Ich möchte gerne zehn Stunden arbeiten – und die letzten beiden davon unbezahlt“. 

Von der Idee, ein Buch schreiben zu wollen, bis zum Erscheinungstermin ist es ein weiter Weg. Wie lange hat dieser Prozess bei dir gedauert?

Bianca: Die Idee hatte ich vor ungefähr einem Jahr. Und dann kam mir Rowohlt zuvor, was ganz schön war, weil ich das Exposé für das Buch schon angefangen hatte. Sie fanden gut, wie ich über das Thema Arbeit schreibe. Dann hat es noch drei Monate bis zum Buchvertrag gedauert, ungefähr acht Monate in der Herstellung und jetzt sitze ich gerade an den Korrekturen.

Wow, Rowohlt kam einfach auf dich zu, ohne dass du das Exposé überhaupt abgeschickt hattest?

Bianca: Genau, ich habe mich nie an einen Verlag gewendet. Es kam einfach eine E-Mail in mein Postfach: „Frau Jankovska, können Sie sich vorstellen, ein Buch zu machen?“ Da bin ich erstmal richtig ausgerastet. Ich habe gemerkt, dass das Thema “digitale Arbeitswelt“ offensichtlich viele bewegt, aber die meisten sich nicht trauen, darüber zu sprechen. Aus Angst, gekündigt zu werden. Aus Angst, anzuecken. Und dann bleibt man deshalb lieber drei Stunden länger jeden Tag und regt sich über sein mickriges 1.400 Euro-netto-Gehalt beim Partner auf? Ich bitte dich.

Gab es einen bestimmten Text, der den Verlag auf dich aufmerksam gemacht hat?

Bianca: Es war ein Text mit dem tollen Titel “ Eine 40-Stunden-Woche ist nichts weiter als Menschenquälerei“. Das ist so ein Spruch, den ich mir gerne auf eine Tote Bag drucken lassen würde, das ist wirklich so ein bisschen mein Motto.

Autorin Bianca Jankovska
Bianca spricht sich deutlich gegen die Selbstausbeutung in der digitalen Kreativarbeit aus – das macht sie ein bisschen zum schwarzen Schaf der Branche.

Welche Schwierigkeiten sind dir beim Schreiben des Buches begegnet?

Bianca: Lustigerweise tatsächlich, dass mir das Geld zwischendurch immer wieder ausgegangen ist. Von einem Buchvorschuss lebt man nicht so gut, wie man vielleicht denkt. Deshalb fällt immer noch die ganz normale andere Lohnarbeit an. Es wäre besser gewesen, wenn ich nur das Buch hätte schreiben können. Aber das ist ein Luxus, den sich nicht viele erlauben können. Ich hab dann aber trotzdem zwei Monate lang kaum Artikel nebenbei und nur das Buch gemacht, in der Zeit einfach weniger Geld verdient und meine Wohnung untervermietet. Selbst habe ich dann in einer WG in Stockholm gewohnt, wo ich nur 150 Euro Miete zahlen musste. War dann aber auch am Arsch der Welt (lacht).

Denkst du, in einem Nine-to-five-Job wäre es dir genauso möglich gewesen, das Buch zu verfassen?

Bianca: Es gibt genug Leute, die das so machen. Oder sie nehmen einen Monat unbezahlten Urlaub. Aber wie stressig ist das denn? Das ist für mich schon wieder so eine Selbstausbeutung, auf die hätte ich gar keine Lust. Ich wusste, ich würde nie ein Buch schreiben, wenn ich in Vollzeit arbeite. Das wäre für mich nicht infrage gekommen.

Es kommt jetzt langsam die “heiße Phase“, in der es darum geht, dich und das Buch zu vermarkten. Wie machst du das?

Bianca: Mit der Vermarktung meiner eigenen Person hatte ich lange Zeit Schwierigkeiten. Ab wie vielen Porträts auf Instagram gilt man als narzisstisch, hat diese Frage schon mal jemand beantwortet (lacht)? Mit der Zeit bin ich da cooler und vielleicht auch erwachsener geworden. Mir macht das Branding von mir als Autorin mittlerweile viel Spaß, weil ich erkannt habe: Die Autorin Bianca Jankovska ist nicht der Mensch Bianca Jankovska, der am Abend auf dem Sofa mit dem Freund Eiscreme isst. Von meinem Privatleben ist relativ wenig instant vorhanden. Ich poste keine Fotos von meiner Beziehung und kaum Bilder mit Freunden. Ich glaube, umso professioneller man auf seinen öffentlichen Social-Media-Kanälen wird, umso leichter ist es, sich zu vermarkten. Und umso weniger leidvoll fühlt sich das Marketing an, weil ich ganz bewusst selber als meine eigene PR-Strategin entscheide, welche Themenbereiche ich bearbeite und nach außen trage – und die sollen den Leuten was bringen. Meine Vermarktung ist meine Message, ich muss ja nicht für irgendwas stehen, für was ich nicht stehe.

Auf Instagram vermarktest du nicht nur dich, sondern auch deinen Lebensstil und die Arbeit als freie Autorin. Gab es auch schlechte Erfahrungen, die du mit der Selbstständigkeit gemacht hast?

Bianca: Ich würde sagen, da gibt es drei Punkte: das Finanzielle, die Abhängigkeit von Auftraggebern und das Image. Leute glauben, dass sie mir samstags E-Mails schreiben können und ich den Auftrag dann sofort erfülle, nur weil ich Freelancer bin. Da ist auch viel Emotional Labour dabei. Ich bin Dienstleisterin – aber nicht rund um die Uhr. Mein Tipp: Sucht euch einen Finanzbuchhalter und einen Coach, wenn ihr die Möglichkeit habt. Und eigentlich auch noch einen Anwalt – Dinge outsourcen, für die man keine Skills und keine Kapazitäten hat.

Wie sieht so ein ganz normaler Arbeitsalltag bei dir aus?

Bianca: Ich stehe auf, setze mich drei Stunden an den PC und schreibe, esse was und dann ist meistens irgendein Termin, zu dem ich hinmuss. Danach arbeite ich noch zwei Stunden, dann gehe ich im besten Fall laufen – meine ganz persönliche Meditation – und dann lieg ich entweder auf der Couch oder treffe Freunde. Meistens ersteres, wenn ich ehrlich bin. Wenn dieser große Brocken von drei Stunden am Morgen erledigt ist, kann ich mich auch anderen Dingen widmen wie E-Mails beantworten und Social Media. Ich kann mich aber ganz gut selber in den Flow beamen. Ich liebe es, komplett von einem Text eingesogen zu werden.

Um den Flow erstmal zu bekommen, brauchen viele aber wahrscheinlich ihre Freiheiten.

Bianca: Genau. Ich schreibe heute auch viel weniger als in der Festanstellung. Dafür mit viel mehr Lust. Ich muss halt einfach nicht zu jedem Furz, den irgendein Promi auf Twitter abgelassen hat, einen Artikel machen – und dadurch ist der Zwang auch die meiste Zeit über weg. Solange ich allerdings für Geld schreibe, wird es immer einen Teil in mir geben, der sagt: „Ok, mach das jetzt, du lebst davon! Aber pass auf, wo deine Grenzen liegen und wer sie regelmäßig ohne Rücksicht auf deinen Stil und deine Ressourcen überschreitet.“ Wenn es sein muss, kicke ich deshalb auch mal einen Auftraggeber.

Autorin Bianca Jankovska
Seit sie selbstständig ist, findet Bianca eine bessere Balance zwischen Arbeit und Freizeit.

Dein Buch ist im Moment bei der Lektorin. Wie gehst du mit Kritik und Änderungsvorschlägen um?

Bianca: Jesus Christ, Kritik hat mich zu einem besseren Menschen gemacht, das sag ich jetzt mal so ganz generell. Das erste Kapitel lief zum Beispiel nicht so gut. Da habe ich eine ausführliche E-Mail bekommen und lange mit der Lektorin telefoniert, um herauszufinden, welche Richtung das Buch einschlagen soll. Ganz am Anfang geht es darum, den Ton und die Stimmung zu finden. Das war echt das Schwierigste. Ich hatte keine genaue Vorstellung, wie das Buch am Ende werden wird, bis ich durch diesen Prozess gegangen bin, mir nochmal genau vor Augen zu halten, was ich in welchem Ton sagen will.

Könntest du dir jetzt schon vorstellen, ein zweites Buch zu machen?

Bianca: Definitiv! Ein zweites Buch habe ich vor und darauf habe ich auch Bock.

Das würde dann wahrscheinlich auch wieder in Richtung Essay gehen? Oder könntest du dir auch vorstellen, einen Roman zu schreiben?

Bianca: Ich schreib ja auch Prosa, das weiß nur niemand, weil es so wenig ist im Vergleich zu dem, was ich sonst mache. Prosa ist nicht unbedingt der Bereich, der besonders viel Geld abwirft. Es macht mir schon Spaß, aber ich muss definitiv noch dazulernen, um professionelle Prosa zu produzieren.

Hast du Tipps für angehende Autoren, wie sie ihr Buch in einem Verlag veröffentlichen können?

Bianca: Ein gutes Buch-Exposé schreiben. Und eine starke Persönlichkeit haben. Auffallen, aber nicht mit einem Shitstorm, sondern mit der eigenen Haltung. Eben nicht das machen, was alle machen.

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