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A Few Good Friends
Eine Initiative der
Die "Wurstgeschwister" Anja, Daniel und Nadine Rüweling

Willst du Mett mir gehen? Das Familien-Start-up "Wurstgeschwister"

von Sirany, 21.02.2018

Anja, Nadine und Daniel Rüweling wollen das Image von deftiger Hausmannskost entstauben. Als „Wurstgeschwister“ haben sie einen schicken Onlineshop für Schinken, Wurst und Eintöpfe ins Leben gerufen.

Von Münster aus geht es eine Stunde lang mit dem Linienbus quer durchs Münsterland. Am Bahnhof Borken sammelt mich Anja mit dem Auto ein. Bis zu ihrem Heimatort Oeding, wo auch die Familienmetzgerei Rüweling ihren Sitz hat, fahren wir noch einmal zehn Minuten. Zentral sieht anders aus. Trotzdem hat sich die 30-Jährige dazu entschieden, vorübergehend die Großstadt zu verlassen und für ihr Start-up „Wurstgeschwister“ wieder aufs Land zu ziehen.

A Few Good Friends: Anja, in Zeiten, in denen immer mehr vegane und vegetarische Ersatzprodukte entwickelt werden, mit wurstiger Hausmannskost auf den Markt zu gehen, ist ganz schön mutig, oder?

Anja Rüweling: Auf der einen Seite schon. Ich glaube, dass das Angebot für Veganer und Vegetarier weiterwachsen wird. Gleichzeitig gibt es eine Rückbesinnung auf regionale Produkte und auf das Handwerk. Viele Leute haben keine Lust mehr auf industrielle Sachen, hinterfragen ihre Lebensmittel immer mehr und wollen wissen, wo sie herkommen. Das gilt auch für Fleisch- und Wurstwaren. Da setzen wir an und sehen für handwerklich hergestellte Wurst- und Schinkenwaren einen Markt.

Bei euch ist die Ware also noch handgemacht?

Anja: Genau, Fleischwaren Rüweling ist eine Familienmetzgerei in der vierten Generation, die mein Bruder Daniel jetzt mit meinem Vater leitet. Davor war mein Opa der Chef, und mein Uropa hat den Betrieb gegründet. Deshalb ist das alles noch sehr handwerklich. Die eingeweckten Sachen zum Beispiel werden gekocht und per Hand in Gläser abgefüllt, der Zustand der Wurst wird erfühlt.

Nahaufnahme von den Produkten der
Wurstiges Handwerk: Diese Produkte gibt es unter anderem im Onlineshop zu kaufen.

Siehst du es eher als Vor- oder als Nachteil, dass ihr eine Art „Gegenbewegung“ zum fleischlosen Trend seid?

Anja: Ich glaube gar nicht, dass die Fronten zwischen „Fleisch essen“ und „kein Fleisch essen“ so verhärtet sind. Der Mittelweg, also das Credo „Weniger, aber bewusster“, schließt beide Seiten mit ein und die große Masse wird früher oder später auch diese Richtung einschlagen.

Mit welchen Argumenten versuchst du, einen überzeugten Veganer zu besänftigen, der gegen eure Geschäftsidee wettert?

Anja: Ich glaube, dass ein Veganer tolerieren könnte, wenn der Kunde sagt, dass er bei uns kauft, weil er nachvollziehen möchte, wo sein Fleisch herkommt, und mehr über das Produkt erfahren will. Wir sind noch lange nicht da, wo wir selbst hinwollen, wollen aber langfristig eine Transparenzkette schaffen – vom Landwirt über den Weg zum Schlachter bis zur Verarbeitung.

Du hast ursprünglich Medienkommunikation und Journalismus studiert, später im Verlag gearbeitet. Deine Schwester Nadine kommt aus den Bildungswissenschaften. Wie kam es zu diesem Wandel, warum seid ihr Gründer der „Wurstgeschwister“ geworden?

Mettbringsel aus dem Onlineshop der „Wurstgeschwister“

Seit November 2016 kannst du auf der Webseite der „Wurstgeschwister“ Geschenkboxen mit Hausmannskost bestellen oder dir deine eigene Kiste mit Produkten zusammenstellen und schicken lassen – zum Beispiel deftige Eintöpfe in Weckgläsern, Würste, Schinken, Steaks oder Brot. Der Großteil der Waren stammt aus der Familienmetzgerei Rüweling in Oeding im Münsterland. Einige Lebensmittel wie das Brot kommen von befreundeten Betrieben aus der Region.

Anja: Wir haben immer mal wieder darüber geredet, dass unser Vater einen Onlineshop für die Metzgerei braucht. Außerdem kamen bei uns im Freundeskreis häufig Anfragen, ob wir nicht Wurst aus der Heimat mitbringen könnten, wenn wir nach Hause zu unseren Eltern gefahren sind. Daraus ist letztendlich die Idee entstanden. Wir wollten aber eine Webseite bauen, die sich von der Masse der Onlineshops abhebt: gute Fotos, Texte im lockeren Sprachstil und eine hübsche Verpackung für die Waren. Daraus sind immer mehr Ideen entstanden, sodass wir schnell gemerkt haben: Okay, da steht ja ein komplettes Konzept dahinter. Wenn wir das machen, dann machen wir es ganz oder gar nicht. Anfangs hatten wir überlegt, in Teilzeit noch in unseren alten Jobs zu bleiben, aber dann wären wir nicht mit 100 Prozent Herzblut dabei gewesen, sondern eben nur mit 50 Prozent.

Wie lange hat dieser Prozess von der Idee bis zum fertigen Onlineshop insgesamt gedauert?

Anja: Das ging relativ schnell von der ersten Idee im Dezember 2015 über erste Planungen im Frühjahr 2016. Und dann haben wir im August 2016 schon unsere Jobs gekündigt, die Firma gegründet und zum November waren wir online.

Du hast vorher in Großstädten gewohnt. Jetzt musst du wieder viel im Heimatdorf vor Ort sein, zum Beispiel um die Wurstboxen zu packen und versandfertig zu machen. Bereust du das manchmal?

Anja: Ich bin jetzt erst mal quasi wieder in mein Kinderzimmer gezogen und klar, das ist schon eine Einschränkung. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass ich dafür ein krasses Opfer gebracht habe. Selbstbestimmtes Arbeiten macht schon Spaß. Mir war klar, dass ich gerade im ersten Jahr der Gründung selbst zurückstecken muss, um die Liquidität der Firma zu gewährleisten. Das eigene Gehalt zahlen wir uns momentan eher spärlich aus. Wir dürfen aber auch nicht das Ziel aus den Augen verlieren, dass wir irgendwann davon leben wollen – und müssen.

Anja Rüweling packt Pakete
Anja kümmert sich noch selbst um das Verpacken und den Versand der Wurstboxen.

„Wurstgeschwister“ gibt es jetzt seit fast eineinhalb Jahren. Wie läuft das Geschäft mittlerweile?

Anja: Wir haben im Winter 2016 als eines der ersten Produkte den Wurst-Adventskalender rausgebracht und da haben sich die Verkaufszahlen im Winter 2017 verdoppelt. Hier sehen wir noch extrem viel Potenzial für die nächsten Jahre. Auch die Stammkunden werden mehr. Die Zahlen steigen zwar nicht rasant, aber zeigen doch ein gesundes Wachstum.

Was für Neuerungen habt ihr für die nahe Zukunft geplant?

Anja: Zum einen wollen wir unsere Transparenzkette weiter ausbauen, um zu zeigen, was zur Wurst- und Fleischproduktion alles dazugehört, also zum Beispiel Landwirte aus der Region vorstellen. Zum anderen wollen wir für die Fußballweltmeisterschaft spezielle WM-Würstchen produzieren: Wir planen ein Wurst-Orakel, bei dem wir für die potenziellen Gegner von Deutschland neue Wurstsorten kreieren. Und langfristig wollen wir regionale Wurst- und Schinkenspezialitäten von Manufakturen und Qualitätsmetzgereien aus ganz Deutschland einkaufen und mit Storytelling auf unserer Seite vorstellen.

Das klingt so, als ob ihr in diesem Jahr noch viel vorhabt. Wollt ihr expandieren und zusätzliches Personal einstellen?

Anja: Unser Vater und Daniel sitzen in der Produktion, um den Rest kümmern Nadine und ich uns bislang alleine. Wir haben jetzt aber jemanden für die Versandabwicklung und Lagerbetreuung eingestellt.

Anja Rüweling trägt versandfertige Boxen
Die fertig gepackten Boxen kommen via DHL zum Kunden.

Mit den Geschwistern zusammenarbeiten kann bestimmt nicht jeder. Wie funktioniert das bei euch?

Anja: Weil wir uns so gut kennen, wissen wir, was die Stärken und Schwächen des anderen sind. Nadine weiß ganz genau, wann ich ausraste, ich weiß wiederum, auf welche Aufgaben sie überhaupt keinen Bock hat. Ich glaube auch, dass man sich unter Geschwistern ehrlicher die Meinung sagen kann als unter Kollegen. Außerdem sind wir mit den gleichen moralischen Werten groß geworden, sodass wir ähnliche Vorstellungen haben, wie wir ein Unternehmen führen wollen. Was natürlich nicht heißt, dass wir nicht auch viel diskutieren.

Inwiefern ist der Rest eurer Familie in das Unternehmen involviert?

Anja: Unser Vater ist immer sehr engagiert und kommt mit neuen Ideen um die Ecke. Unsere Mutter hilft auch viel mit, zum Beispiel als vor Weihnachten Not am Mann war und wir Unterstützung beim Packen brauchten. Und unsere Oma kordelt und stempelt die Etiketten selbst.

Ganz schön viel Engagement. War das von Anfang an so? Wie hat eure Family reagiert, als ihr von euren Gründerplänen erzählt habt?

Anja: Unsere Mutter hat von Anfang an hinter der Idee gestanden. Unser Vater war erst ziemlich überrascht. Er ist eher der Bodenständige und hatte gleich die rationalen Fragen im Kopf: Die können doch nicht einfach kündigen – wovon sollen die denn leben? Mittlerweile ist er aber überzeugt davon, dass wir das ernst meinen und die „Wurstgeschwister“ langfristig etablieren wollen.

Anja Rüweling an ihrem Arbeitsplatz
Anja und ihr Geschwister haben große Pläne für die Zukunft.

Zu guter Letzt: Was ist dein Tipp für Leute, die auch gründen wollen?

Anja: Manchmal muss man Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen und Dinge einfach machen, wenn es sich gut anfühlt. Sonst kann man vieles zu sehr zerdenken. Ganz wichtig sind auch Family und Freunde, die beruflich aus ganz vielen verschiedenen Bereichen kommen. Wenn du mit denen einfach mal über die Dinge und Ideen sprichst, denken sie mit, stellen Rückfragen und geben dir Tipps, auf die du selbst niemals gekommen wärst.

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