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Digitaler Nomade Sebastian

Multilokal aber manchmal einsam: Sebastian ist ein digitaler Nomade

von Florian, 13.09.2018

Für viele ist es ein Traum: als digitaler Nomade um die Welt zu reisen und dabei Geld zu verdienen. Sebastian lebt diesen Traum seit sechs Jahren, kennt aber auch die Schattenseiten seines Lifestyles.

Wer sich die Facebook- oder Instagram-Profile junger Menschen anschaut, die viel in der Welt unterwegs sind, wird oft neidisch: Bilder von tollen Orten, tollen Stränden, tollen Sonnenuntergängen. Hängematten dominieren die Umgebung, Regen scheint in der Welt der Reisenden nicht zu existieren. Digitale Nomaden treiben diesen Lifestyle auf die Spitze: Sie nehmen ihre Arbeit mit auf Reisen und sind nicht mehr auf Urlaub angewiesen, um fremde Orte entdecken zu können.

Anfangs ging es nur ums Überleben

Sebastian ist so ein digitaler Nomade. Seit nunmehr sechs Jahren verbringt der gebürtige Brandenburger sein Leben dort, wo er gerade möchte. Er hat sich selbstständig gemacht und benötigt nicht mehr als Smartphone und Laptop, um seine Arbeit zu verrichten. Ob in Australien, Südamerika, Südostasien oder München, wo Sebastian derzeit seine Freundin besucht. "Ich könnte aber morgen aufbrechen, wenn ich möchte. Alles, was ich besitze, passt in einen großen Rucksack", erklärt der 35-Jährige.

Dabei war dieses Leben anfangs eine große Herausforderung. 2012 hatte sich Sebastian entschlossen, seine Zelte in Deutschland abzubrechen. Nach einigen Jahren in Berlin überfiel ihn das Gefühl, unbedingt raus zu müssen und er zog nach Shanghai. Dort nahm der BWL-Absolvent zunächst noch eine Festanstellung an, kündigte diese aber schnell wieder und lebte fortan das digitale Nomadentum als Selbstständiger.

Es dauerte aber über ein Jahr, bis sich Sebastian durch seine Jobs mehr als nur über Wasser halten konnte. Anfangs arbeitete er als Übersetzer, da "ging es nur ums Überleben". Nach zwei Jahren gründete der Traveller eine Agentur und lagerte die Übersetzungsarbeiten aus, sodass er sich nur noch um die Kundenakquisition kümmern musste. Nebenbei entstand sein Blog " Wireless Life", auf dem er Einblick in sein Leben als digitaler Nomade gibt. Dieser Lebensstil interessierte so viele Leute, dass Sebastian heute von selbstverfassten Büchern zu dem Thema, von Workshops und Vorträgen gut leben kann.

Mittlerweile hält Sebastian Vorträge über sein Leben als digitaler Nomade.
Mittlerweile hält Sebastian Vorträge über sein Leben als digitaler Nomade.

Viele digitale Nomaden arbeiten als Freelancer

Dass sich digitale Nomaden auf diese Weise finanzieren, ist freilich die Ausnahme. Gängige Tätigkeiten, die sich gut von unterwegs erledigen lassen, sind laut Sebastian die klassischen Freelancer-Jobs: Auftragsschreiber, Programmierer, Designer oder auch Buchhalter. Darüber hinaus gebe es aber auch andere Geschäftsmodelle, die sich ohne festen Wohnsitz umsetzen ließen: Online-Handel sei ein Beispiel, der Bereich der Wissensvermittlung oder der von Sebastian schon beschriebene Aufbau einer Agentur, für die ein zentrales Büro nicht zwingend vonnöten sei.

Und ja, all diese Dinge lassen sich theoretisch auf der Sonnenliege erledigen – vorausgesetzt, es gibt dort stabiles Internet. Doch in der Regel arbeiten digitale Nomaden in Cafés, Coworking-Spaces oder im Homeoffice. Denn irgendwo wohnen müssen die ständig Reisenden ja auch. Sebastian mietet sich oft monatsweise über Plattformen wie Airbnb in Wohnungen ein, die dann komplett ausgestattet sind. Oder er leistet sich gleich für ein Jahr eine Homebase in einem günstigen Land, von der aus er verschiedene Trips unternimmt.

Sebastian an einem seiner
Sebastian an einem seiner "Arbeitsplätze" in einem Park in Shanghai.

Nachteile des digitalen Nomadenlebens: Einsamkeit, Jetlags und bürokratische Hürden

Neben der ständigen Suche nach einer zuverlässigen Internetverbindung gibt es aber noch andere Dinge, die das Leben eines digitalen Nomaden erschweren. So benötigen viele Menschen für Tätigkeiten, die volle Konzentration erfordern, absolute Ruhe – und die ist in Cafés oder in Ländern mit extrem lautem Straßenverkehr nur selten gewährleistet. "Ich kann bei monotonen Hintergrundgeräuschen gut arbeiten, es gibt aber andere, die haben da erhebliche Probleme mit. Ein nicht zu unterschätzendes Thema", sagt Sebastian.

Auch die Jetlags und unterschiedlichen Zeitzonen haben dem Abenteurer anfangs schwer zu schaffen gemacht. Nachtschichten und sehr unregelmäßige Arbeitszeiten sind kaum zu vermeiden, wenn Kundenkontakt nötig ist.

Ein weiterer Punkt ist die Einsamkeit. Die wahren Freundschaften entwickeln sich bei vielen Menschen während der Schulzeit oder des Studiums. Und diese Freundschaften können digitale Nomaden meist nur übers Telefon oder Internet pflegen. Und die zahlreichen Bekanntschaften aus Dutzenden Ländern sind in der Regel oberflächlich. "Das ist nicht ganz einfach", gibt Sebastian zu. "Viele Freundschaften zerfallen mit der Zeit. Es ist immens wichtig, darauf zu achten, dass es Anker und Bezugspersonen gibt, sonst kann es mit diesem Lebensstil verdammt einsam werden." Und auch seine derzeitige Beziehung würde laut Sebastian wohl nicht funktionieren, würde sein Lieblingsmensch nicht ebenfalls ortsunabhängig arbeiten und ihn oft begleiten können.

Und nicht zuletzt ist es mit Mühen verbunden, die bürokratischen Voraussetzungen für das Nomadenleben zu erfüllen. Denn einfach solange in einem Land zu leben, wie es einem gerade passt, ist nicht so einfach. "In vielen Ländern benötigt man ein Visum, das gibt es ohne Probleme aber nur für ein bis drei Monate. Es gibt Umwege über ein theoretisches Arbeitsverhältnis, kostspielige Investoren-Visa oder die Heirat mit einer Einheimischen. Ansonsten gibt es für die legale Arbeit im Aufenthaltsland nicht viele Möglichkeiten."

Selbstbestimmtheit für Sebastian oberstes Gut

Doch all diese Schwierigkeiten bringen Sebastian nicht von seinem Weg ab, auch wenn er mit seinen 35 Jahren nicht mehr zu den Jungspunden unter den digitalen Nomaden zählt. "Ich will auf meine Selbstbestimmtheit nicht verzichten, die mir zu meiner Zeit als Angestellter immer gefehlt hat: freie Zeiteinteilung, freie Ortswahl, freies Arbeitspensum. Und außerdem möchte ich das Gefühl haben, dass das, was ich tue, einen Impact hat, also andere Menschen auch interessiert."

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