menu
A Few Good Friends
Eine Initiative der
Rollerderby-Spielerinnnen bei Turnier in der Halle

Randale auf Rollschuhen: Was "Rüpel" am Roller Derby reizt

von Johanna, 10.01.2018

Energiegeladen, aggressiv, leidenschaftlich: Wenn die Harbor Girls durch die Halle fegen, brennt die Luft. Daniela Chmelik alias "Rüpel" hat uns verraten, was sie am Roller Derby begeistert.

Als ich in Hamburg in der Altonaer Sporthalle ankomme, ist das Training des B-Teams der Harbor Girls bereits voll im Gange und ich bin von der ersten Minute fasziniert vom Sport: Frauen mit lustigen Alter Egos wie "Pinkie Pain", "Big Bang" oder "Frau Schmerz" auf ihren Trikots brettern in menschliche Mauern hinein, kommen zu Fall, wischen sich den Schweiß von der Stirn und versuchen es aufs Neue. Von Zimperlichkeit ist hier keine Spur. Dafür spürt man ganz viel Herzblut und sieht lachende Gesichter, wenn sich die rollschuhfahrenden Ladies gegenseitig in die Knie zwingen.

Ursprünglich stammt Roller Derby aus den USA, entsprungen aus der feministischen Punkszene. 2008 fand der Sport auch nach Hamburg. Fast genauso lange ist Daniela Chmelik dabei und erzählt im Gespräch mit A Few Good Friends von ihren Erfahrungen.

Johanna: Wie bist du zum Roller Derby gekommen?

Daniela: Ich habe irgendwann davon im Missy Magazine gelesen. Im Artikel wurde Roller Derby als Sport für taffe Frauen präsentiert – das hat meine Neugierde geweckt! Außerdem bin ich in den 80ern so gerne Rollschuh gelaufen und war ein großer Fan von Starlight Express – abgesehen von den antifeministischen Inhalten. Also ging ich zu einem Probetraining. Ende 2009 war das Training noch nicht so ausgereift. Als ich anfing, wurden alle, die einigermaßen auf Rollschuhen stehen konnten, sofort umgeschubst. Bremsen war erstmal unwichtig. Jetzt ist es viel professioneller.

Ganz kurz für Roller Derby-Neulinge: Wie funktioniert das Spiel eigentlich?

Daniela: Es gibt einen ovalen Track, eine Bahn, auf der immer fünf gegen fünf spielen: Jeweils vier Blockerinnen und eine Sprinterin (Jammerin) pro Team. Letztere erkennt man am Stern auf der Haube. Die Jammerin muss durch die gegnerischen Blockerinnen durch, um Punkte zu machen. Wenn sie ihre Rivalinnen umrundet, punktet sie – einen Punkt pro überrundeter Spielerin. Die gegnerischen Spielerinnen versuchen, sie daran zu hindern und der eigenen Jammerin durch eine Offensive zu helfen.

Am Ende gewinnt das Team, das die meisten Punkte gemacht hat. Das Spiel ist in zwei Hälften à 30 Minuten aufgeteilt und nochmal unterteilt in maximal zweiminütige Jams.

Randale auf Rollschuhen: Was Rüpel am Roller Derby reizt
Daniela (l.) alias "Rüpel" scheut auch keine Gegnerinnen aus einer anderen Gewichtsklasse.

Auf welcher Position spielst du?

Daniela: Früher war ich Jammerin im A-Team, das mittlerweile auch Bundesligaspiele absolviert. Weil ich zu sportlichem Überehrgeiz tendierte und es entsprechend übertrieb mit sechs Trainings die Woche, Boxen als Zweitsport, Joggen, mir niemals Fahrstuhl oder Rolltreppe gönnte, war ich irgendwann ausgelaugt und ständig ermüdungsverletzt. Ich habe die Trainingszeiten dann auf zwei- bis dreimal in der Woche reduziert. Außerdem änderte ich meine Position: Als Jammerin hatte ich das Gefühl immer nur einzustecken; schließlich ist die Jammerin diejenige, die es aufzuhalten und umzuschubsen gilt. Ich wollte irgendwann lieber austeilen und bin deshalb nun Blockerin.

Was bedeutet dir der Sport?

Daniela: Ich finde ihn persönlichkeitsfestigend. Man nimmt durch den Sport eine Toughness an, ist sehr viel souveräner und selbstbewusster. Außerdem lernt man, sich nicht mehr so leicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Stattdessen stapelt man die Butter auf dem Brot, weil man weiß, dass man viele Kalorien benötigt (lacht). Ich genieße es einfach, so sein zu können, wie ich will. Kein Sport ist so heterogen wie Roller Derby. Jede Spielerin ist anders. Du darfst Einhörner verehren oder Star Wars, das ist total egal. Du bist genauso willkommen, wie du bist. Das finde ich sehr ermächtigend.

Randale und Spaß – das gehört beim Roller Derby zusammen.

Wie vereinbarst du den Sport mit deinem Beruf? Was machst du überhaupt?

Daniela: Ich bin freie Autorin. Ich arbeite unter anderem als Redakteurin beim Ohrenkuss, einem Magazin, für das Menschen mit Down-Syndrom schreiben. Außerdem habe ich die Literatur-Werkstatt im Rahmen eines inklusiven Künstler-Kollektivs ins Leben gerufen. In dem Projekt erarbeite ich Texte gemeinsam mit Menschen mit Behinderung.

Ich fühle mich beruflich da angekommen, wo ich auch wirklich hin will. Nach dem Abi habe ich ein freiwilliges soziales Jahr in einer Behinderteneinrichtung gemacht, danach Literaturwissenschaften studiert. Mein damaliger Freund meinte: "Was ist denn das für ein Lebenslauf, ist ja total zickzack". Ich bin jedoch froh über meinen Zickzack-Weg. Dieses Nichtpassende zusammenzuführen, findet sich auch irgendwie im Sport wieder, weil alle so unterschiedlich sind und alles unter dem Postulat der Vielfalt steht.

Ein Vorteil meiner Selbstständigkeit: Da ich kaum feste Arbeitszeiten habe, bleibt genug Zeit für den Sport, der ein perfekter Ausgleich zu meiner sehr kopflastig-kreativen Arbeit ist.

Auch wegen der aggressiven Note?

Daniela: Ich mag, wenn's knallt. Ich brauche den Wettkampf. Es ist aber auch viel Spaß dabei. Tatsächlich gibt es ein 70-seitiges Regelwerk, das die Fairness im Spiel garantiert. Wie in jedem anderen Sport werden Fouls bestraft. Wer beispielsweise tritt, Richtung Kopf blockt oder festhält, landet für 30 Sekunden auf der Strafbank. Passiert das einer Person sieben Mal im Spiel, geht es ab unter die Dusche.

Welche Rolle spielt der Sport für Frauen?

Daniela: Das, was wir heute als Roller Derby kennen, hat sich in den 90ern in den USA entwickelt aus Punkerinnern und "Dritte Welle"-Feministinnen. Die Idee war, einen Sport zu etablieren, den Frauen nur für sich machen – ohne dabei jemandem gefallen oder unterhalten zu müssen. Das Markanteste: Es herrscht unglaublich viel Akzeptanz. Es ist egal, was für ein Format du hast – im figürlichen oder charakterlichen Sinne. Du bist hier richtig, als Frau oder Queer. Es ist ein sehr offener Sport.

Selbst Frau Schmerz braucht mal eine Trinkpause.

Für wen ist der Sport geeignet?

Daniela: Jeder kann mit dem Anfänger-Training starten – unabhängig von Alter, Format oder sexueller Orientierung. Selbst wenn man bisher keine sportlichen Ambitionen hatte und nur am PC gezockt hat, ist das okay. In Berlin gab es zum Beispiel im A-Team eine Spielerin, von der ich so begeistert war. Sie hatte so viel Herzblut für den Sport. Ich hab sie gefragt, was sie vorher gemacht hat und sie meinte nur "Nichts. Gezockt.".

Wie können Interessierte mit dem Sport starten?

Daniela: Zweimal im Jahr gibt es Recruiting Days, das nächste im Frühjahr. Das Anfänger-Training dauert etwa ein halbes Jahr. Die Neulinge lernen vor allem erstmal fahren und bremsen.

Was war eines deiner schönsten Erlebnisse im Sport?

Daniela: Ich hatte sozusagen ein Erweckungserlebnis gleich beim ersten richtigen Wettkampf. Ich war völlig geflasht und wollte die Skates gar nicht mehr ausziehen. Wir haben das erste Spiel zwar verloren, aber ich fühlte mich so erhaben. Von dem Teamspirit, aber auch davon, dass man auf den Rollen so viel größer, schneller und stärker ist. Ich weiß noch, wie enttäuschend es war, die Rollschuhe wieder auszuziehen und wie weit entfernt mir die andere Seite der Halle plötzlich vorkam.

Aber auch die Auslandsfahrten sind immer etwas Besonderes wie zum Beispiel zuletzt in Lissabon. Glücklicherweise werden uns solche Reisen mittlerweile vom Verein finanziert. In Portugal haben wir gegen eine starke Mannschaft gespielt. Unser Teamzusammenhalt war überwältigend. In den Pausen, zwischen den Jams, sangen wir die Lieder unserer Fans. Da war viel Seele. Man ist Teil von etwas, das so bunt ist. Das ist schön.

×

Einwilligungserklärung für die Nutzung der Social Media Plugins

Für die Nutzung von Social-Media-Dienstangeboten diverser Unternehmen stellen wir Ihnen Social-Media-PlugIns zur Verfügung. Diese werden in einem 2-Klick-Verfahren auf den Online-Angeboten der AOK eingebunden. Die AOK erfasst selbst keinerlei personenbezogenen Daten oder über deren Nutzung mittels der Social PlugIns. Über diese PlugIns können jedoch Daten, auch personenbezogene Daten, an die US-amerikanischen Diensteanbieter gesendet und gegebenenfalls von diesen genutzt werden. Das hier eingesetzte Verfahren sorgt dafür, dass zunächst keine personenbezogenen Daten an die Anbieter der einzelnen Social-Media-PlugIns weitergegeben werden, wenn Sie unser Online-Angebot nutzen. Erst wenn Sie eines der Social-Media-PlugIns anklicken, können Daten an die Dienstanbieter übertragen und durch diese gespeichert bzw. verarbeitet werden.

close