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A Few Good Friends
Eine Initiative der
eSportler Cihan Yasarlar mi Controlelr vor Red Bull Kulisse

Von wegen Kellerkinder: Wie Cihan mit eSports zum Star wurde

von Martina, 02.03.2018

Fußball auf dem Bildschirm statt auf dem Rasen spielen – und trotzdem Profi werden? Das geht. Cihan Yasarlar zockt hauptberuflich FIFA 18 und verrät im Interview, wie er mit eSports groß rausgekommen ist.

Im so gar nicht nerdigen Großraumbüro einer Agentur in Berlin-Mitte empfangen mich Cihan und Michael an einem stürmischen Wintertag zum Interview. Wir wollen über eSports sprechen und ich betrete ziemliches Neuland. Was meine eigene Gaming-Erfahrungen betrifft, bin ich nämlich irgendwo in der Ära Diablo II hängengeblieben. FIFA kenne ich nur als das, was mein Freund nebenbei mal auf der Konsole daddelt, und eSports – professionelles Gaming – machen das nicht bloß diese Starcraft-Zocker in Südkorea? Dass man mit Computerspielen jetzt auch in Deutschland nicht nur gutes Geld machen, sondern sogar zum Star werden kann, erklären mir eSports-Spieler Cihan Yasarlar und sein Manager Michael Berchtold heute im "A Few Good Friends"-Interview.

Martina: Cihan, du bist Profi-Gamer und zockst den Fußball-Simulator "FIFA 18" für die eSports-Abteilung des Bundesligisten RB Leipzig. Wie viel musst du dafür pro Tag trainieren?

Cihan: Bis zu acht Stunden, je nach Bedarf. Speziell vor den großen Turnieren spielen wir natürlich sehr viel, damit wir uns bestmöglich vorbereiten.

Wie muss man sich so ein eSports-Turnier vorstellen, bei dem es um Preisgelder im fünf- oder sogar sechsstelligen Bereich gehen kann? Ihr sitzt da vorne mit den Controllern auf der Bühne und das Spiel wird auf einer Leinwand übertragen?

Erst mal spielen viele gleichzeitig, denn es gibt eine Gruppenphase. Sagen wir mal, es gibt vier, fünf Gruppen, dann spielen die Besten aus jeder Gruppe gegeneinander. Es wird alles für die Streaming-Kanäle wie YouTube oder Twitch aufgenommen und dort für unsere Fans übertragen. Und natürlich werden die ganzen Halbfinals und Finals einzeln übertragen. Und dann gibt es noch eine Leinwand für die Fans vor Ort.

Mit 25 Jahren bist du bereits FIFA-Europameister, außerdem hast du einen YouTube-Kanal mit mehr als 100.000 Followern – du bist ein richtiger Star in deiner Branche. Wirst du auf der Straße erkannt?

Ich habe mir da etwas aufgebaut, auch auf YouTube. Jeder FIFA-Spieler in Berlin oder in NRW, wenn ich mal da bin, kennt mich. Die sprechen mich dann an und der eine oder andere will dann natürlich immer Fotos für seine Social-Media-Kanäle haben.

Und das gefällt dir?

Ja natürlich, das zeigt, dass ich etwas erreicht habe, dass ich etwas gegeben habe. Deswegen ist es auch schön.

Gaming ist dein Fulltime-Job – spielst du überhaupt noch als Hobby?

Ich mach das hauptberuflich. Als Hobby spiele ich dann gegen Freunde, wenn die mal Bock haben – und wenn ich Zeit habe natürlich. Aber generell ist unser Zeitplan schon sehr eng. Ich mache ja auch YouTube, da werden die Videos geschnitten, das ist auch alles Aufwand.

Auf seinem YouTube-Kanal können Cihans Fans an seinen Spielerfolgen teilhaben.

Man muss beim Spielen sehr schnell reagieren, gute Reflexe haben. Machst du nebenbei noch Sport, um so etwas zu üben? Oder trainieren sich diese Skills automatisch durchs Spielen?

Also generell läuft das alles über das Spiel selbst. Aber Sport ist wichtig, damit der Körper einen Ausgleich hat und sich erholt. Wir sitzen halt lange, da ist man dann verspannt. Man muss versuchen, sich die Zeit so aufzuteilen, dass man beides unterbekommt.

Welche Spiele zocken eSportler? 

  • FIFA 18: Fußball-Simulator von EA Games, bei dem du internationale Starspieler und Vereine aufeinandertreffen lassen kannst oder dir dein Traum-Team zusammenstellst.
  • League of Legends: Arenen-Kampfspiel von Riot Games, bei dem dein strategisches Denken gefragt ist.
  • Dota 2: Kurz für "Defense of the Ancients", ein weiteres Battle-Arena-Spiel, diesmal aus dem Hause Valve, bei dem die Spieler um die Einnahme einer Festung namens "Ancient" konkurrieren. 
  • Overwatch: Ein Mehrspieler-Shooter von Blizzard, bei dem sechs Helden mit verschiedenen Fähigkeiten im Team gegeneinander antreten.

Acht Stunden Training pro Tag, Turniere am Wochenende, dann noch YouTube-Videos drehen – dein Job klingt ganz schön stressig. Man muss für dieses Spielerleben schon richtig brennen, oder?

Ja! Klar. Damals war mein Traum immer, Profi-Fußballer zu werden – aber ich wurde es dann halt im eSport.

Und wie wird man eigentlich eSportler? Wie schlägt man so eine Profi-Laufbahn ein?

Also bei mir war das so: Ich war mal ganz unbekannt. Dann habe ich angefangen, online kleinere Turniere zu spielen. Ich habe immer Leistung gebracht, war schon relativ gut dabei und auch schon in einem Clan drin. Dann haben mich die Scouts entdeckt. Ich war in der zweiten Liga auf dem ersten Platz in der ersten Season. Da haben die mich gesehen und gefragt "Hey, wer ist das?" und mich angesprochen. Ich habe dann immer weiter an Wettkämpfen teilgenommen und mich auch für andere große Turniere qualifiziert. Irgendwann kam Schalke auf mich zu – bei denen habe ich dann ein Jahr gespielt und habe dort auch die Meisterschaften erlebt. Mein Vertrag lief aus und ich wollte einen neuen Schritt gehen und habe mich dann für RB Leipzig entschieden.

Cihan Yasarlar vor Red Bull Logo
Seit August 2017 spielt Cihan für die "Roten Bullen"

Es gab ja immer dieses Klischee – Computerspieler als Kellerkinder, Nerds, die sich vor dem wahren Leben verstecken. Daran scheint sich ja einiges geändert zu haben. Gibt es überhaupt noch solche Typen oder sind die Profi-Spieler heutzutage ganz anders drauf?

Das ist ganz unterschiedlich. Also ich bin der Typ, der gerne rausgeht. Ich bin nicht der 24-Stunden-Zocker. Natürlich investiere ich auch meine Zeit ins Spielen, aber ich bin auch dieser Lifestyle-Typ. Ich gehe gerne zum Friseur und gehe gerne feiern. Es gibt aber auch Spieler, die tatsächlich so sind: im Keller halt, nichts erreicht, essen und spielen, ne? Aber ich finde das erstens ungesund und zweitens ist das kein Leben für mich.

Hängt das vom Spiel ab, wie die Spieler so drauf sind?

Ja! Es gibt FIFA-Spieler, die interessieren sich schon eher für Lifestyle. Aber manche sind nur zu Hause, das gibt es auch. Es ist halt sehr unterschiedlich. Shooter-Spiele sind eher der Typ Kellerkind, würde ich mal behaupten (schmunzelt).

Fußball ist der realen Welt vielleicht auch näher als Ballerspiele oder Fantasy-Epen... Gibt es denn öfter Spieler, die so wie du vom reellen Sport zum virtuellen gewechselt haben?

Ja, sehr viele sogar. Ich habe da auch einige gefragt, die wollten Fußballer werden, aber haben es nicht geschafft und dann stattdessen den eSport für sich entdeckt.

Wo wir gerade bei der Analogie zum realen Fußball sind. Muss man sich als eSportler auch Gedanken machen, wie es ab Mitte 30 mit der Karriere aussieht – so wie ein Fußballprofi, wenn er nicht mehr auf dem Platz stehen kann?

Das ist eine gute Frage. Es hängt vom Körper ab und von einem selber, wie lange man das machen will. Ich habe geplant, bis etwa 30 zu spielen und danach im eSport anderweitig tätig zu sein. Die Branche wird von Tag zu Tag größer, deswegen mache ich mir eigentlich keine Sorgen. Wir arbeiten gut und ich denke, in der Zukunft werde ich auch eine gute Stelle haben. Ich werde davon leben können und auch gechillter an die ganze Sache rangehen, als dass ich, so wie jetzt, so viel zocke. (lacht).

 
Cihan Yasarlar und Michael Berchtold im Gespräch
Manchmal sitzt man auch als eSportler im Büro: Cihan im Gespräch mit Manager Michael.

Im Anschluss unterhalte ich mich noch kurz mit Michael. Als Geschäftsführer der Agentur eSports Reputation betreut er Spieler wie Cihan und weiß, wie es hinter den Kulissen der Branche aussieht.

Martina: Michael, deine Agentur betreut mehrere Spieler – sind das alles Menschen, die sich diesem Sport wie Cihan komplett verschrieben haben, oder machen manche in ihrer Freizeit dann noch etwas ganz Anderes?

Michael: Da der eSport in der heutigen Form, vor allem im Bereich FIFA, noch ein sehr junges Phänomen ist, ist es schon so, dass man bei den meisten Spielern merkt: Es handelt sich hier um ihre absolute Leidenschaft. Es gibt nichts Anderes, weil sie eben ihr Hobby zum Beruf gemacht haben! Und es gibt für die Jungs nichts Schöneres, als das jeweilige Spiel zu zocken! Aber das ist in anderen Sportarten ja genau so, dementsprechend würde ich nicht sagen, dass es ein Phänomen des eSports ist.

Wo du gerade von "Jungs" sprachst – es handelt sich bei eSports um eine sehr männerdominierte Branche. Gibt es überhaupt Frauen, die professionell spielen?

Der Profibereich wird generell schon sehr von Männern dominiert. Es gibt aber schon auch viele Frauen, die zocken und da Spaß dran haben, auch wenn man sich mal die großen Events vor Ort anguckt. Da sind schon viele Frauen dabei, die zugucken. Aber auf professionellem Niveau gibt es sehr wenige. FIFA-Spielerinnen gibt es in Holland ein, zwei, bei anderen Titeln auch immer mal wieder welche, aber generell wenig. Darin steckt natürlich noch ein Riesenpotenzial, denn die Abhängigkeit von physischen Voraussetzungen, die es in anderen Sportarten für Frauen schwieriger macht, gibt es im eSport so nicht.

Stimmt, die virtuelle Natur macht eSports eigentlich sehr inklusiv. Es können ja auch Menschen mit körperlicher Behinderung spielen, da es nicht um körperliche Fitness, sondern um kognitive Fähigkeiten geht.

Ja, das stimmt. Das ganze Thema Inklusion ist im eSport ein sehr spannendes. Wir arbeiten auch mit einem jungen Spieler, Niklas, der im Rollstuhl sitzt, aber auch total aufgeht in dieser ganzen Thematik, richtig Spaß hat und echt gut ist. Und man merkt einfach, dass die Physis dabei nicht der ausschlaggebende Punkt ist.

Wie stellst du dir denn die Zukunft dieses Sports und dieser Branche vor? Hinsichtlich der Spiele, der Menschen und der Verbreitung von eSports?

eSports an sich wird weiter wachsen, wie er das auch die vergangenen Jahre extrem getan hat. Ich glaube, das größte Wachstumsfeld hat vor allem FIFA noch vor sich. Erstens weil der eSport dort noch sehr jung ist und zweitens weil das Spiel so nah an einer globalen Sportart wie Fußball liegt. Und die breite Masse an Casual Gamern, die im FIFA-Bereich existiert, ist enorm. Solche Sachen wie strukturierter Breitensport, Nachwuchsförderung, eine gezielte Talententwicklung und auch die Art und Weise, wie in den Teams trainiert wird, der ganze sportwissenschaftliche Hintergrund – das sind alles Dinge, die noch komplett in den Kinderschuhen stecken und wo wir noch einen extremen Grad der Professionalisierung sehen werden.

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