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Mass attack! Warum ist uns Nähe in Lift und Bahn so unangenehm?

Mass attack! Warum ist uns Nähe in Lift und Bahn so unangenehm?

von Johanna, 01.12.2017

Menschen verhalten sich manchmal merkwürdig. Besonders häufig fällt mir das im Fahrstuhl und in der U-Bahn auf. Meine Theorie: Hier offenbart sich unsere Angst vor Nähe …

Vielleicht erkennst du dich in folgender Situation wieder: Du fährst gemeinsam mit Fremden im Fahrstuhl. Hier begegnen dir Pokerfaces, die selbst gewiefte Casinogänger vor Neid erblassen lassen würden. Keine Regung, keine Emotion – allenfalls ein verstohlener Blick im Spiegel auf einen "Mitinsassen" lässt erahnen, dass hinter den maschinengleichen Fassaden menschliche Wesen stecken.

Woher rührt diese atemstille Atmosphäre im Lift? (Manchmal kommt es mir wirklich vor, als würden die Stockwerk-Jumper ihre Luft anhalten!) Naheliegend ist Folgendes: Viele mögen es nicht, wenn ihnen Fremde auf die Pelle rücken – mir selbst ist das meist auch unangenehm. Leider ist das im Fahrstuhl notgedrungen der Fall, sollte Homo sapiens nicht gerade die Treppe nehmen. Da die Faulheit aber oftmals gegen den Isolationswunsch siegt, konfrontiert sich das menschenscheue Wesen dann doch mit dem Liftproblem.

Natürlich gibt es clevere Theorien, die den menschlichen Irrsinn zu entschlüsseln versuchen. Das alles erklärende Stichwort lautet "Distanzzonen". Die hat jeder von uns, um sich zu schützen oder anderen zu signalisieren "der oder die gehört zu mir!". Je nach Kulturkreis können die Distanzzonen unterschiedlich groß sein. Der amerikanische Anthropologe Edward Twitchell Hall war der erste, der Mitte der 1960er Jahre vier Distanzbereiche festlegte: die intime Zone, die persönliche Zone, die soziale Zone und die öffentliche Zone.

Nun kann man sich die verschiedenen Zonen wie unterschiedlich große, unsichtbare Hula-Hoop- Reifen vorstellen, die wir um uns herumtragen. Den kleinsten Kreis bildet logischerweise die Intimzone mit bis zu 50 Zentimetern. In meine Intimzone lasse ich nur die Crème de la Crème meiner Umwelt, ergo Herzmenschen. Und selbst mit denen will ich nicht immer touchy sein. Von manchen Leuten (die ich wirklich gerne mag!), werde ich einfach nicht gerne berührt. Als hätte ich eine angeborene Allergie oder dergleichen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Den größten Abstand halten wir laut Theorie in der öffentlichen Zone. In der anonymen Menschengruppe "genießen" wir unbekannte Leute am liebsten aus vier Metern Entfernung. Den alles entscheidenden Tipp, wie ich mich im menschenüberquellenden Hamburg am besten verhalte, bekam ich von meinem Freund: "Steh an den U-Bahn- Haltestellen nicht so dicht an den Gleisen." Sonst könnte mich die Pendlerwolke im Gedränge um einen Sitzplatz in der Bahn ratzfatz sonst wohin schubsen.

Jedenfalls habe ich im Großstadtgewusel tatsächlich gerne alles im Blick und ertappe mich dabei, wie ich mich vor potenziellen Gefahren wappne – insbesondere am Hamburger Hauptbahnhof, wenn aus jeder erdenklichen Himmelsrichtung Menschen an infrastrukturell desaströsen Punkten zusammenströmen und sich so nah kommen, dass man das Odeur des Vordermenschen noch minutenlang in der Nase hat. Leider ist das manchmal ganz schön eklig. Ich habe eigentlich keine Platzangst, aber nach dem Durchqueren dieser Menschenstrudel schlägt mein Herz dreimal so schnell.

Mass attack! Warum ist uns Nähe in Lift und Bahn so unangenehm?
Im Lift überschneiden sich Intimzonen von Leuten, die sich nicht immer gut riechen können.

Ähnlich scheint sich so mancher im Lift zu fühlen. Im Fahrstuhl wird unser angeborener Distanzautomatismus aufgebrochen. Menschen dringen in unsere Intimzone, die wir da eigentlich gar nicht haben wollen. In der Folge fühlen wir uns unbehaglich. Das Unbehagen versuchen wir mit Emotionslosigkeit zu überspielen. Das gleiche beobachte ich übrigens in der proppenvollen Bahn oder im überquellenden Bus: mürrische Gesichter, wo ich nur hinsehe. Die sind aber nicht unfreundlich oder unglücklich, sondern wollen einfach nur wieder zurück in ihre Komfortzonen. Oder sie sind müde vom langen Arbeitstag.

Vielleicht müssen sich Fremde im Fahrstuhl nicht direkt in die Arme fallen, nur weil sich ihre Intimzonen während der kurzweiligen gemeinsamen Stockwerkerklimmung überschneiden. Aber etwas weniger Scheu und mehr Menschenvertrauen – nicht jeder mit dem wir diesen Raum teilen, ist eine potenzielle Gefahr – schadet auch nicht. In diesem Sinne: Auf mehr Emotionen im Lift!

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