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Voyeurismus bei Social Media: Großer Spaß oder am Rande des Wahnsinns?

von Sirany, 16.08.2018

Unsere Social-Media-Kanäle bringen uns zum Lachen, Weinen oder Wüten. Aber nimmt das manchmal auch überhand? Nämlich dann, wenn wir Profilen bestimmter Personen fast schon fanatisch folgen?

Sirany: Contra – Social-Media-Voyeurismus kann zum Mindfuck werden

Social-Media-Voyeurismus äußert sich in unterschiedlichen Formen: Das Ausspionieren von Ex-Partnern, besten Freunden oder ärgsten Feinden fällt darunter. Aber auch wenn wir Profile von Personen, die wir überhaupt nicht kennen, fanatisch verfolgen und genauestens studieren, weil wir sie lustig, inspirierend oder einfach nur peinlich finden, ist das eine Art Voyeurismus. Egal, wie sich das lustvolle Beobachten bei Facebook, Instagram und Co. manifestiert: Es ganz kann schön ungesunde Formen annehmen und dich fertigmachen.

Denn was gibt es dir, wenn du im News-Feed siehst, dass die verflossene Liebe Fotos mit einem neuen Partner postet? Oder wenn du weißt, dass der ehemalige beste Freund, mit dem du im Streit auseinander gegangen bist, geheiratet hat? Die Antwort lautet: nichts.

Es ist ähnlich, wie bei den Profilen der “rich kids of Instagram“, die dich an einem Leben teilhaben lassen, das du nie führen wirst. Im schlimmsten Fall führt das dazu, dass du selbst völlig unzufrieden wirst mit deiner Existenz und an Selbstvertrauen verlierst, weil du denkst, dass andere viel mehr erreichen und können als du selbst. Und das kann zum richtigen Mindfuck werden.

Die Befürworter des Social-Media-Voyeurismus werden nun einwenden, dass es ja auch noch die andere Art von Accounts gibt. Die, denen man nur zur Belustigung folgt, weil man das ohnehin nicht ernst nehmen kann, was der Achtsamkeits- oder Fitnessblogger da online propagiert. Es löst ähnliche Gefühle in dir aus, wie wenn du über Facebook erfährst, dass die Person, die du absolut nicht ausstehen kannst, unglücklich verliebt ist, weil sie ihren Herzschmerz öffentlich macht. Oder dass dem ungeliebten Kollegen, der einen erbosten Suchaufruf gestartet hat, sein Fahrrad geklaut wurde. Es ist reine Schadenfreude und Arroganz, die dich besser fühlen und dein Leben plötzlich hochwertiger erscheinen lässt. Aber hast du das nötig? Es gibt auch andere Wege, um dir das zu beweisen.

Und wen das jetzt noch nicht überzeugt hat, der sollte sich mal ausrechnen, wie viele sinnvolle(re) Dinge er in der Zeit tun könnte, die er damit verbringt, auf den sozialen Kanälen Mäuschen zu spielen. Spätestens wenn der Voyeurismus anfängt, zwanghafte Züge anzunehmen und zur Sucht wird, ist es an der Zeit, das eigene Social-Media-Verhalten zu überdenken.

Jasmin: Pro – Ein gesundes Maß an Schaulustigkeit erweitert den geistigen Horizont

Sirany malt natürlich den Teufel an die Wand, wenn sie einen zwanghaften Social-Media-Voyeurismus beschreibt, der schon fast in eine Devianz abrutscht. Wer notorisch die Facebook- und Instagram-Profile seiner Verflossenen durchforstet, jedes Like des Schwarms eifersüchtig verfolgt oder sich schadenfroh über Rückschläge im Leben eines Feindes ins Fäustchen lacht, hat ganz klar ein Problem. Sirany hat das erkannt und warnt davor – aber betrachtet den Voyeurismus zu eindimensional und negativ.

Im Leben 4.0 sind und bleiben die meisten Menschen verantwortungsvoll und gesund. Sie holen sich Inspiration für ihren Alltag, sei es fürs schönere Wohnen, für eine neue Frisur oder für ein Reiseziel. Wer in seinem Instagram-Feed ein wenig stöbert, findet vielleicht traumhafte Naturwunder, von denen er vorher noch nie gehört hat.

Manch einer entdeckt ein Make-up-Tutorial, schminkt es nach und kann endlich einen Tag ohne sichtbare Akne verbringen. Ein anderer stößt auf leckere Rezepte und findet so zu einem gesünderen Lebensstil. Und wiederum andere treffen auf Menschen mit den gleichen Problemen und Gedanken, fühlen sich auf einmal nicht mehr allein und werden Teil einer Community. Unsere Welt wird größer, wir rücken näher zusammen, das Unvorstellbare wird plötzlich realistisch.

Und es bleibt nicht nur beim Entdecken neuer Länder oder der Selbstverwirklichung in Form von Make-up oder einem neuen Speiseplan. Social-Media-Voyeurismus ist auch ein Politikum. Ohne Facebook und Co. hätten sich die Revoluzzer des Arabischen Frühlings nicht zusammenfinden können.

Petitionen würden weniger Menschen erreichen, Informationen würden weiterhin stark gefiltert, Wissen über das Weltgeschehen bliebe exklusiv. Oder hat euch die Tagesschau etwa verraten, dass unter der Präsidentschaft von Donald Trump die Einfuhr von Elfenbein aus Simbabwe und Sambia in die USA wieder legalisiert wurde? Mir nicht. Mir hat das Facebook verraten – weil meine Schaulustigkeit dem Algorithmus verraten hat, wofür ich mich interessiere.

Durch den Social-Media-Voyeurismus kann eben auch Wissen aggregiert werden – ökologisches, ökonomisches, politisches oder soziales Wissen. Es geht nicht immer nur um Eifersüchteleien oder emotional aufgeladenes Gespanne.

Wer allerdings ein Problem mit der Abgrenzung von Realität und Virtualität hat und aus Siranys beschriebenem Mindfuck nicht mehr rauskommt, sollte sich Hilfe suchen. Da liegen die Gründe für den übermäßigen Voyeurismus nämlich irgendwo tief in der Seele – und nicht auf einem Facebook-Profil.

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