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Victim Blaming, Slut Shaming, Rape Culture und Co.: Was ist was?

von Sirany, 23.07.2018

Was haben Victim Blaming, Slut Shaming und Rape Culture gemeinsam? Es sind traurige Phänomene, die dazu beitragen, Opfern – etwa von sexueller Gewalt – eine Mitschuld an ihrem Unglück zu geben.

Es ist eine Floskel, die uns manchmal nur allzu schnell herausrutscht: „selber schuld!“ Oft schwingen Schadenfreude oder Häme in diesen Worten mit, mal sind sie einfach nur leichtfertig dahergesagt. Diese Redewendung, die alle Verantwortung auf eine einzelne Person abschiebt, signalisiert etwas Egoistisches. Doch im schlimmsten Fall drückt sie eine Denkweise aus, die Phänomene wie Victim Blaming, Slut Shaming und Rape Culture begünstigt. Doch was verbirgt sich konkret hinter diesen Begriffen?

Victim Blaming: Täter und Opfer tauschen die Rollen

Der englische Begriff Victim Blaming (“victim“ = Opfer, “blaming“ = die Schuld geben), manchmal auch Victim Shaming genannt, ist auf Deutsch als “Täter-Opfer-Umkehr“ definiert. Bei einer Straftat sind Täter und Opfer in der Regel klar erkennbar. Der, in dessen Haus eingebrochen wird, ist der Bestohlene, also das Opfer. Derjenige, der einbricht, ist der Dieb und damit der Täter.

Doch das Phänomen Victim Blaming dreht die Rollen von Opfer und Täter bis zu einem gewissen Grad um: Dem Opfer wird eine Mitschuld an seinem Leid gegeben und macht es zu einer Art Mittäter. Der wahre Täter dagegen wird in Schutz genommen, vielleicht sogar zum Opfer stilisiert.

Im Falle unseres Beispiels könnte das so aussehen: Der Bestohlene hat immer offen rumgeprahlt mit seinem Besitz und Reichtum. Wer einen Porsche fährt, seine Brillantringe zur Schau trägt und noch dazu sein Haus so schlecht absichert, muss sich nicht wundern, wenn er beklaut wird.

Bei sexuellen Übergriffen ist das Victim Shaming, auch als Slut Shaming bezeichnet, besonders häufig zu beobachten.

Plakate einer Demonstration gegen sexuelle Gewalt
Word: Schuld an einer Vergewaltigung sind Vergewaltiger, nicht die Kleidung des Opfers, oder ob es betrunken oder in Flirtlaune war.

Slut Shaming: Ein kurzer Rock als Einladung?

Slut Shaming (“slut“ = englisch für Schlampe, “shaming“ = englisch für beschämen) greift Menschen – in der Regel Frauen – dafür an, wenn diese sich freizügig kleiden, offen flirten oder selbstbewusst auftreten. Den Betroffenen werden dadurch Schamgefühle eingeredet. Ihnen wird vermittelt, dass sie sich nicht angemessen verhalten und dadurch möglicherweise unerwünschte Reaktionen im gesellschaftlichen Umfeld ausgelöst haben – an denen sie aber selber schuld sind.

Ein konkretes Beispiel: Eine junge Frau geht von einer Party spät in der Nacht alleine nach Hause. Sie trägt einen kurzen Rock und ist alkoholisiert. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung wird sie Opfer einer Vergewaltigung. In diesem Fall ist niemand Schuld außer dem Vergewaltiger! Nicht ihre Kleidung, nicht der Alkohol und auch nicht die Tatsache, dass sie alleine nach Hause gegangen ist.

Manche Menschen würden das jedoch anders sehen und der jungen Frau eine Mitschuld an ihrem Unglück geben, weil der kurze Rock und das knappe Top quasi eine Einladung für den Vergewaltiger darstellten und den Täter dazu verführten, so dass er gar nicht anders konnte. Bullshit! Schuld daran, dass sich solche verqueren Vorstellungen in den Köpfen der Menschen festsetzen können, ist auch die Rape Culture.

Rape Culture: Eine Gesellschaft der sexuellen Gewalt

Der Begriff Rape Culture (“rape“ = englisch für Vergewaltigung, “culture“ = englisch für Kultur) ist ein Schlagwort geworden für eine Gesellschaft, in der Sexismus – oder schlimmer noch: sexuelle Gewalt – weit verbreitet sind und toleriert werden. Und zwar deshalb, weil solches Verhalten so zur Normalität geworden ist, dass es von vielen Menschen gar nicht (mehr) bemerkt, geschweige denn als schlimm empfunden wird. Und das hat sich trotz der Hashtags #MeToo und #Aufschrei, die in den letzten Jahren für öffentliches Aufsehen sorgten, leider nicht großartig geändert. Dies soll allerdings nicht heißen, dass jeder Mann ein Vergewaltiger ist. Rape Culture bezieht sich auch nicht nur auf tatsächliche Vergewaltigungen.

Die Frage, wo genau die “Vergewaltigungskultur“ anfängt, ist jedoch gar nicht so leicht zu beantworten. Denn auch frauenfeindliche Texte im Rap oder sexistische Werbung zählen genau genommen dazu und unterstützen die Rape Culture.

Junge Frau mit knappen Jeans-Shorts fährt sich über die Haare
Jede*r hat das Recht, sich so zu kleiden, wie es ihm oder ihr gefällt – ohne Angst vor sexuellen Übergriffen haben zu müssen.

Der Glaube an das Gute: Wie entsteht Victim Blaming?

Warum können solche Phänomene wie Victim Blaming überhaupt entstehen? Paradoxerweise geht eine psychologische Erklärung von dem Gedanken aus, dass die große Mehrheit fest an eine gute und gerechte Welt glaubt. Doch wir werden täglich mit schlimmen Nachrichten über Kriege, Anschläge, Morde und andere Verbrechen konfrontiert.

Wie lässt sich eine positive Weltsicht trotz solcher Hiobsbotschaften, gegen die wir nichts ausrichten können, also noch aufrechterhalten? Indem das Individuum glaubt, dass ihm selbst kein Unheil widerfahren wird. Dass Schlechtes nur denjenigen passiert, die es irgendwie auch verdient haben. Und die Guten von solchem Leid verschont bleiben. Diese Art von Selbstschutz entbehrt zwar jeglicher Logik, das tun Märchen aber auch.

Empathie ist keine Schande

Fast jeder läuft ab und an Gefahr, in die “Selber-schuld“-Schiene abzudriften und andere für ihr Pech oder Leid mitverantwortlich zu machen. Das ist zwar noch lange kein Victim Blaming, trotzdem kannst du versuchen, eine andere Denkweise zu trainieren. Ein Schlüssel dazu ist Empathie. Die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können, sich zu fragen: “Wie würde es mir an seiner Stelle gehen?“ Das allein hilft manchmal dabei, umzudenken und die Floskel „selber schuld“ nicht leichtfertig zu verwenden.

Doch noch ein anderer kleiner Trick soll dazu beitragen können, Täter und Opfer besser voneinander abgrenzen zu können. Laura Niemi und Liane Young fanden in einer Reihe von Experimenten zum Victim Blaming heraus, dass die Satzstruktur beim Erzählen des Tathergangs einen Einfluss darauf hat, ob die Zuhörer bzw. Leser stärker mit dem Opfer oder mit dem Täter sympathisieren.

Steht der Täter dabei im Fokus, ist also in der Regel das Subjekt eines Satzes, soll ihm die Täterrolle klarer zuzuordnen sein. Wird das Opfer dagegen zum Subjekt eines Satzes und steht stärker im Mittelpunkt, verschwimmen die Rollen und Victim Blaming ist wahrscheinlicher. Beispiel: Bert kippt Ernie auf einer Party etwas in den Drink. Später belästigt Bert Ernie. Bei beiden Sätzen steht der Täter als Subjekt im Fokus. Anders sieht es aus, wenn die Satzstellung folgendermaßen vorgenommen wird: Auf einer Party wird Ernie von Bert etwas in den Drink gekippt. Später wird Ernie von Bert belästigt. Denn nun ist das Opfer im Mittelpunkt. Dies ist eine grammatische Feinheit, die Journalisten, Anwälte, Polizisten und alle anderen beherzigen können, um die Opfer und nicht die Täter zu schützen. 

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