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„Wir“-Pärchen: Muss eine Beziehung die Auflösung des Ichs bedeuten?

von Sirany, 06.06.2018

Fast jeder hat sie in seinem Freundeskreis: die Spezies „Wir“-Pärchen. Sie treten nicht nur dauernd im Doppelpack auf, sondern verschmelzen auch in der Anrede zu einer Einheit, bis es unerträglich wird.

In der heutigen Zeit scheint das Verlangen nach „Wir“-Momenten besonders groß zu sein. „Wir sind Papst!“ hieß es 2005. Und 2014 dann: „Wir sind Weltmeister!“ Glückwunsch, aber ich ganz bestimmt nicht! Zum einen, weil ich weder Verdienst am Titelgewinn der Fußballnationalmannschafft noch Einfluss auf die Wahl von Joseph Ratzinger zum Pontifex hatte. Zum anderen will ich mit so viel unreflektiertem „Wir“-Gefühl auch gar nichts zu tun haben.

Was im Großen auf eine undefinierte Masse an Menschen einer Staatsbürgerschaft zutrifft, gilt im Kleinen auch in Beziehungen. Liebe „Wir“-Pärchen, ich habe nichts dagegen, wenn ihr das W-Wort gelegentlich in den Mund nehmt. Was mich aber wahnsinnig macht, ist die inflationäre Verwendung.

Es fängt schon in Textnachrichten im Messenger an. Das „Wir“ ist die Verschriftlichung des Pärchen-Selfies – und beinahe genauso nervig und überflüssig. „Sorry, wir haben verschlafen und müssen noch duschen. Wir kommen eine halbe Stunde später.“, schreibt mir eine Freundin vor unserem Treffen. Wenn ich nicht wüsste, dass sie und ihr Boy ohnehin immer im Doppelpack auflaufen, würde sich mir jetzt die Frage stellen: Wer ist „wir“? Vielleicht leidet meine Freundin ja auch an einer multiplen Persönlichkeitsstörung, von der ich bislang nichts wusste. Oder redet sie neuerdings einfach gerne von sich in der ersten Person Plural?

Um solche „Missverständnisse“ zu vermeiden, bin ich meist penibel darum bemüht, das Kind beim Namen zu nennen. In diesem Fall: meinen Freund. Manchmal rutscht es mir dann aber doch heraus, das gewitzte Wörtchen „wir“, das manchmal leichter von der Zunge geht, als ich möchte.

Allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass mir folgende Sätze niemals passieren würden: „Wir finden das neue Arctic-Monkeys-Album ganz großartig.“ „Wir mögen den aktuellen Film von Wes Anderson richtig gerne.“ „Wir lesen gerade Frank Schätzing, super Roman.“ Die „Wir“-Pärchen können mir doch nicht weismachen, dass sie immer einer Meinung sind, was Musik-, Buch- und Filmgeschmack anbelangt. Und falls doch: Wie öde wäre das denn? Ich jedenfalls mag es, wenn andere, also auch mein Partner, in popkulturellen Dingen anderer Meinung sind und sich daraus intensive Gespräche unter Individuen entwickeln.

Der krönende Gipfel der (biologischen) Unmöglichkeit im „Wir“-Pärchen-Lexikon ist dann die Phrase: „Wir sind schwanger“. Sie suggeriert ein unausstehliches Maß an trauter Zweisamkeit und heiler Welt. Das Ich hat sich zugunsten des Wir völlig aufgelöst. Dabei, liebe „Wir“-Pärchen, könnt ihr mir nicht erzählen, dass ihr euch euer Erste-Person-Plural-Universum nur aus Gründen der Harmonie aufgebaut habt. Denn manchmal ist es auch einfach praktischer, „wir“ statt „ich“ zu sagen.

Zum Beispiel, wenn ich meine Freundin frage, ob sie Lust hat, am Samstagabend mit mir tanzen zu gehen. „Wir sind zu müde, wir bleiben heute auf der Couch“, kommt als Antwort. In diesem Fall möchte sie nicht als Langweilerin dastehen und schiebt die Verantwortung ab auf das „Wir“.

Doch egal, ob Opportunismus oder Zuneigung die treibende Kraft hinter den „Wir“-Phrasen ist – ein wenig mehr Individualität tut nicht nur den Paaren untereinander gut. Es macht sie auch für ihr soziales Umfeld erträglicher. 

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