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A Few Good Friends
Eine Initiative der

In Spanien ist nicht nur eitel Sonnenschein: Annas Leben als Auswanderin

von Johanna, 29.12.2017

Sonne satt, ausgiebige Siestas und herzliche Menschen – das alles findet Anna in Spanien. Die Auswanderin kennt aber auch die Schattenseiten des Lebens in der Ferne.

Keine Sprachkenntnisse, aber viel Lebenshunger

Anna lebt in Madrid. Genauer gesagt im ehemaligen Arbeiterviertel Entrevías, was 'zwischen den Gleisen' bedeutet. Und so fühlt sie sich oft auch – zwischen zwei Welten balancierend. Die Weltensprünge sind der gebürtigen Polin, die im Alter von vier Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland kam, jedoch nicht unbekannt. "Vielleicht beruht mein Hunger nach verschiedenen Kulturen und Sprachen tatsächlich auf meiner Migrationsgeschichte", sinniert die 33-Jährige.

In ihrem kleinen Häuschen unweit des Arbolito-Parks fühlt sie sich zu Hause. Hier kommt sie nach einem anstrengenden Arbeitstag wieder zur Ruhe, wird euphorisch von ihrer süßen Beagle-Dame Eika empfangen und verbringt Zeit mit Freunden.

So idyllisch, wie Annas Leben in Spanien anmutet, war es jedoch nicht immer. "Vor allem die Anfänge waren sehr schwer. Meine Sprachkenntnisse waren mehr schlecht als recht. Sich durch die ohnehin komplizierte Bürokratie zu wuseln, hat mich fast verzweifeln lassen. Aber glücklicherweise habe ich schnell liebe Leute kennengelernt, die mir notfalls mit Händen und Füßen erklärten, wie ich ein Bankkonto einrichte, mich anmelde, eine bessere Wohnung finde und so weiter."

Die Reise begann mit einem Praktikum in Barcelona

Nach Spanien auswandern – das hatte Anna zu Beginn gar nicht im Sinn. Sie wollte nach ihrem Studium Auslandserfahrungen sammeln und hat ein zweimonatiges Praktikum als Deutschlehrerin an einer Schule in Barcelona gemacht. Die Herzlichkeit der Menschen, das stets sonnige Wetter und die andere Kultur nahmen sie derart ein, dass sie – kaum zurück in Deutschland – nach einer Möglichkeit suchte, langfristig in Spanien zu arbeiten.

Miese Zeiten als Honorarkraft

Gedacht, getan. Diesmal zog es sie nach Madrid. Der Liebe wegen, auch wenn es die Beziehung heute nicht mehr gibt. Erst hielt sie sich mit Honorarjobs über Wasser. "Ich arbeitete vorwiegend als Deutschlehrerin – für Schüler, aber auch für Unternehmen. Das machte zwar Spaß, aber die Koordination der ganzen Aufträge war ziemlich stressig. Manchmal kamen auch einfach nicht genug zusammen. Ich hatte ständig Geldsorgen. Mit meinem Geografiestudium konnte ich in Spanien nicht viel reißen."

Fast wäre Anna deshalb nach einem halben Jahr zurück nach Deutschland gegangen. Sie lebte in einer 5er-WG in einem kleinen, fensterlosen Zimmer – gar nicht so ungewöhnlich für Madrid und das einzige, was sie sich zu Beginn leisten konnte. Vom süßen spanischen Leben bekam sie in der Zeit nicht viel mit.

Quereinstieg: Neuer Job als Rechtsanwaltsgehilfin

"Ich hatte keine soziale Absicherung. Kein Job bedeutete keine Existenz in Spanien. So etwas wie Arbeitslosengeld erhalten Ausländer erst nach einem halben Jahr fester Anstellung." Sie fand glücklicherweise eine andere Stelle. "Heute arbeite ich als Rechtsanwaltsgehilfin für eine deutsche Kanzlei, die sich auf Patentrechte spezialisiert. Es ist nicht mein Traumberuf, aber ich habe sichere Einkünfte und konnte mir eine bessere Wohnung leisten. Toll finde ich, dass der Quereinstieg so problemlos möglich war. In Deutschland bräuchte ich für meine Tätigkeit eine Ausbildung."

Dennoch vermisst Anna aus beruflicher Perspektive die deutsche Fortschrittlichkeit. "Flexibles Arbeiten ist in Spanien noch nicht so weit verbreitet. Natürlich hängt das vom Arbeitgeber ab, aber grundsätzlich arbeiten weniger Leute im Home Office oder in Teilzeit."

Klischees sind oftmals nur Klischees

Überhaupt entspricht das Bild vom ewig Siesta-machenden spanischen Arbeiter kaum der Wahrheit. Es stimmt zwar, dass sich Betriebe strikt an ihre nachmittäglichen Pausen halten, aber die Zeiten davor und danach herrscht emsiges Treiben.

"Einzig, wenn Termine anstehen, kommen mir typische Klischees über Verspätungen in den Sinn. Erst kürzlich musste beispielsweise mein Dach repariert werden, weil es undicht war. Ich telefonierte dem Dachdecker tagelang hinterher, der mich immer auf später vertröstete. 'Verschieben wir es auf morgen, Señorita' konnte ich irgendwann nicht mehr hören."

Als "La Alemana" ("die Deutsche") wurde die 33-Jährige auch schon bezeichnet. Klischees funktionieren eben in beide Richtungen. Ihr wurde der klischeeteutonische Stempel zuteil, nachdem sie sich über den wochenlangen Lärm von sägendem Metall in ihrer Nachbarschaft beschwerte.

In Spanien hat Anna die Liebe zum Flamenco entdeckt.

"Zwischen den Welten" fühlt sich Anna wohl

Bei allen kleinen und großen Problemen bereut Anna ihr Auswandern nach Spanien jedoch nicht. "Hier gibt es das Sprichwort 'De Madrid al cielo'. Es bedeutet, dass man in Madrid dem Himmel nah ist. Dem kann ich nur zustimmen. Natürlich rege mich immer wieder einmal über Dinge und Menschen auf. Aber das wäre in Deutschland nicht anders. Ich glaube, ich habe viel Lebenswertes dazu gewonnen. Ich tanze Flamenco, kenne so viele interessante Persönlichkeiten, genieße die bunte Vielfalt der Stadt. Ich bin wirklich stolz darauf, was ich alles alleine in einem fremden Land geschafft habe."

Wenn Anna im Sommer abends in ihre Straße einbiegt, sitzen bereits ihre betagten Nachbarinnen Concepción, Encarnación und Angustias ("ja, die heißen wirklich so!") vor ihren Haustüren, bewaffnet mit dem neuesten Klatsch, einem schweren Parfüm und einer warmen Umarmung. Genau das sind die Momente, in denen Anna wieder merkt, dass sie wortwörtlich "Entrevías" lebt – und es genießt.

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