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A Few Good Friends
Eine Initiative der
Gelbe Berliner U-Bahn mit Sicht auf Oberbaumbrücke

Stadt der Träume? Wieso ich den Berlin-Hype nicht ganz verstehe

von Sirany, 11.07.2018

Zwischen Plattenbau und Hundedreck findet sich manch schönes Fleckchen in Berlin. Für viele Menschen ist die Stadt aber zum Sehnsuchtsort geworden, in den sie all ihre Hoffnungen setzen – und arg enttäuscht werden können.

Wenn ich zu Besuch in Berlin bin, fahre ich in der Regel über den Alexanderplatz und steige dort in die U8 ein. Nachdem ich hier die letzten drei Male beim Fahrkartenkauf – wohlgemerkt sehr freundlich – von der Seite angequatscht wurde, habe ich gelernt, mir einen anderen Automaten zu suchen. Denn die Maschine, die direkt an den Treppen runter zur U-Bahn steht, scheint ein Sammelplatz für Menschen mit großem Redebedarf zu sein. Und großen Träumen.

Straßenmusiker, die versuchen, Publikum für ihren nächsten Auftritt zu gewinnen. Aufreißer, die glauben, dass ihre Schmeicheleien bei jedem Mädchen Eindruck machen. Oder Gestrandete, die einfach auf ein offenes Ohr hoffen, dem sie ihre Geschichte erzählen können, wie sie nach Berlin gekommen sind. Sie alle eint eins: Sie sind beflügelt von einer seltsamen Euphorie, die diese Stadt offenbar bei einigen Menschen auslöst. Sie kommen mit himmelhohen Erwartungen und gestärktem Selbstbewusstsein. Berlin scheint für sie ein Sehnsuchtsort zu sein – tolerant, offen, schlaflos, international und multikulturell –, ein Ort, an dem alles möglich ist. Und deswegen wollen sie auf Teufel komm raus in diese Stadt.

Kein Job? Scheißegal, es wird sich vor Ort schon etwas finden. Kein Geld, um die Start-up-Idee zu realisieren? Macht nichts, in der Hauptstadt wird sich schon eine Finanzierungsmöglichkeit auftun. Pech in der Liebe? In Berlin wird alles besser! Und wenn sie nicht kommen, die Karriere, die Kohle und die Amore, gibt es ja auch noch sehr viele andere Möglichkeiten, um in der Spree-Metropole Zerstreuung, Amüsement und flüchtiges Glück zu finden. Auch wenn das für manche vielleicht nur bedeutet, im Club abzutauchen und ein Wochenende lang das Tageslicht nicht mehr zu sehen.

Ich komme immer gerne nach Berlin und würde auch nicht kategorisch ausschließen, eines Tages dort zu leben. Aber dann nur sozial gefestigt, mit beruflicher Sicherheit, einem Plan und einem Ziel. Bloß blauäugig dem Hauptstadt-Hype zu folgen, erscheint mir zu unsicher, die Gefahr, mich in einer Illusion zu verlieren und am Ende auf die Schnauze zu fallen, zu groß.

Denn was bringt mir der Berlin-Lifestyle, wenn ich hundert Bewerbungen schreibe, auf die eine einzige Einladung zu einem (erfolglosen) Vorstellungsgespräch folgt? Stundenlang in einem hippen Workspace-Café am Laptop über einer Idee oder einem Produkt zu brüten, das am Ende keiner haben will? Etliche Bekanntschaften auf Feiern und Raves zu machen, die ich doch nicht anrufen würde, wenn es mir schlecht geht?

Eine Stadt zum Lebensinhalt zu machen, zur Brutstätte der großen Träume, ist immer gefährlich. Und letztendlich ist der Himmel über Berlin auch derselbe wie anderswo. Er erscheint bloß freier und weiter.

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